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Bernbacher, Christine (Christa),geb. Eschner
19.12.1930 Hannover - 12.9.2013 Bremen


 

Christa/Christine wuchs in Hannover in einem sozialdemokratischen Elterhaus auf. Sie erinnerte sich noch gut an die Nazizeit: "Nichts was da [zu Hause] gesagt wurde, durfte das Haus verlassen."1 Ihr Großvater starb 1943 beim Bombenangriff, zweimal wurde sie selbst als Kind verschüttet.

Nach Beendigung der Schulzeit ging sie 1949 nach England, wo sie den Beruf Krankenschwester und Hebamme erlernte. 1953 kehrte sie zurück und arbeitete im Britischen Militärhospital in Hannover. 1957 heiratete sie Klaus Bernbacher, den sie schon 1947 während der Schulzeit kennen gelernt hatte. Das Ehepaar bekam zwei Kinder und adoptierte zwei weitere.
1958 wurde sie Gründungsmitglied der Initiative "Kampf dem Atomtod" und sie engagierte sich gegen die Raketenstationierung. Sie trat in die SPD ein und wurde 1961 in Rodenberg, einer Kleinstadt in Niedersachsen, zur Stadträtin gewählt. Außerdem arbeitete sie zwischen 1970 und 1972 im Arbeitskreis sozialdemokratischer Frauen mit.
Als ihr Ehemann 1970 Musikchef bei Radio Bremen wurde, zog die Familie im selben Jahr nach Bremen um und bezog in Schwachausen eine Wohnung. Sie übte ihren Beruf nicht weiter aus, sondern kümmerte sich um die Kinder.
1979 trat sie aus der SPD aus. Publik wurde dies durch ein Interview bei Radio Bremen: "Ich hatte mal so locker gesagt, dass ich eventuell austreten würde - und Olaf Dinné hat das dann vor der Presse verkündet. Ich habe mein Austrittsgesuch nachgereicht."2

Seit 1972 arbeitete sie im "Arbeitskreis gegen Radioaktive Verseuchung" mit und seit 1979 war sie im Beirat Schwachhausen aktiv. Als z.B. 1980 auf Antrag der Anti-Apartheit-Bewegung die Lüderitzstraße in Luthulistraße (südafrikanischer Politiker und Stammesführer der Zulu, von 1952 bis 1967 Präsident des African National Congress - ANC) später in Nelson-Mandela-Straße umbenannt werden sollte, stimmt sie als einzige dafür.
In der damaligen Anti-AKW und Friedensbewegung war sie aufgrund ihres eher bürgerlichen "Outfits" eine auffällige Frau. "Mit dem schwarzen hochhackigen Schuh habe ich gegen die Raketenstationierung demonstriert. Ich war damals eine eher mollige Frau. Mit Absatz dachte ich, etwas schlanker zu wirken und auf jeden Fall eleganter. Ich konnte schon immer gut in diesen Schuhen laufen und wollte mein Outfit mit Mitte 40 nicht ändern." Einen Schuh verlor sie bei einer Demonstration bei Hude während einer Zugblockade. "Das war eine gefährliche Sache, als wir auf den Gleisen hockten und sangen, hörten wir einen nahenden Zug nicht." Sie rannte mit dem Dackel unterm Arm die Böschung hinab, verlor den Schuh und lief mit nur einem Pumps vor der herannahenden Polizei weg. Die zeigte sich jedoch galant und half ihr später bei der Such nach dem verlorenen Pumps. In Erinnerung an ihren außergewöhnlichen "Feldeinsatz", schenkten ihr die GRÜNEN ein grünes Paar Pumps, das ...auf ihrem Schreibtisch" platziert wurde.3

Sie war nicht nur in ihrem Kleidungsstil unangepasst, sondern auch in ihrem Auftreten, in den Nachrufen bescheinigten ihr verschiedene Parteienvertreter nicht nur Liebenswürdigkeit, sondern auch Furchtlosigkeit, Eigensinn, Durchsetzungsstärke und eine scharfe Zunge sowie einen Pioniergeist.

Sie engagierte sich zunächst in der Bürgerinitiative gegen die Mozarttrasse, aus der sich die. "Bremer Grüne Liste" als Vorläufer der GRÜNEN entwickelte. Als es 1983 zu Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern der Grünen Liste um die Gründung einer Partei kam, plädierte sie für eine Kandidatur zur Bürgerschaft. Sie setzte sich aktiv für die Umwandlung der Bremer Grünen Liste in eine Partei ein, die auch für das Bundesparlament kandidiert. "Mein Gedanke war, dass wir mit unseren Ideen auch in die Parlamente müssen, um politisch etwas zu erreichen. Wie in der Gründungsphase der Grünen Liste wurde mein Esszimmer und meine Küche dann wieder zum Sitzungszimmer für die Gründung des Landesverbandes der grünen Bundespartei. Ich bin dann 1980 und auch 1983 die Spitzenkandidatin für die Grünen gewesen."4 Sie wurde die Landesvorsitzende der neuen Partei. 1883 wurde sie als Vorsitzende der GRÜNEN abgewählt, weil im neuen Vorstand keine Abgeordneten vertreten sein sollten.

Da sie zunächst zugunsten eines anderen Bewerbers auf einen der vorderen Listenplätze verzichtet hatte, zog sie erst 1983 in die Bürgerschaft ein und bestand darauf, ihren Dackel zu den Sitzungen mitzunehmen. "Ein Hund hat mir im Krieg das Leben gerettet. Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit gegenüber dem treuesten Freund des Menschen"5

Das war nicht der einzige "Aufreger" den sie verursachte. Nach zwei Jahren hätte sie zurücktreten müssen - damals gab es das Rotationsprinzip. Das aber wollte sie nicht akzeptieren und weigerte sich zum Ärger zahlreicher Fraktionskollegen, ihren Sitz zur Verfügung zu stellen. "Karoline Linnert hat wochenlang nicht mehr mit mir gesprochen, Marieluise Beck war sauer."6 Aber kurz darauf schafften die Grünen das Rotationsprinzip ab. Und Bernbacher - wurde in der nächsten Legislaturperiode abgestraft und lehnte den ihr angebotenen Listenplatz weit hinten ab. Deshalb wurde sie in der nächsten Legislaturperiode nicht erneut aufgestellt.

Auf der ordentlichen Bundesversammlung der Grünen wurde sie 1988 zur Beisitzerin in den Grünen Bundesvorstand gewählt, blieb darin jedoch nur eine Periode. 1991 zog sie wieder in die Bremische Bürgerschaft ein und blieb dort bis 1999, von 1991 bis 1995 wurde sie sogar Vizepräsidentin der Bürgerschaft. Schwerpunkt ihrer parlamentarischen Arbeit waren zunächst Bau- und Umweltfragen und ab 1991 der Bereich Gesundheit. Auch war sie von 1995 bis 1999 Mitglied des Petitionsausschusses. Ihr größter parlamentarischer Erfolg ist die Aufnahme des "Schutz der natürlichen Umwelt" in Artikel 65 als Staatsziel bei der Änderung der Bremer Landesverfassung - und dies ohne einschränkende Formulierungen, wie das Wort das "möglichst", das GRÜNEN zunächst vorgeschlagen hatten.

Danach befragt, warum sie nie für den Bundestag kandidiert habe, antwortete sie: "Ich habe eigentlich nie größere Ambitionen gehabt, das hätte sich mit meinem sehr lebendigen Familienleben nicht vereinbaren lassen. Ich bin aber gerne in der Bürgerschaft gewesen."7 Sie hat sieben Enkelkinder und das Familienleben war ihr sehr wichtig.

Engen Kontakt hatte sie auch zu Winfried Kretschmann, zu dem sie über Jahre hinweg Kontakt pflegte: "Wir saßen bei mir zuhause in der Küche. Ich habe Suppe gekocht und wir haben unsere Erfahrungen ausgetauscht..... Das ist genauso ein seltener Vogel wie ich in der Partei. Er hat auch diesen bürgerlichen Habitus. Unter den "bunt Gekleideten" sei man da schon aufgefallen: Sie mit ihrem Dackel - er mit seinem eher an einen CDU-Mann erinnernden Kleidungsstil."8 Ihre Aktivitäten gingen weit über parteipolitisches Engagement hinaus.

Sie engagierte sich für die vergessenen Opfer des NS Regimes (Sinti, Homosexuelle), gegen die Raktenstationierung und für den Erhalt der der Uniwildnis. Sie war Mitglied der Freunde der Uniwildnis. Als zur Erweiterung des Technologieparks an der Universität Gelände gerodet werden sollte, engagierte sie sich gemeinsam mit dem Verein und der Bürgerinitiative gegen die voreilige Rodung. Mit einem Verwaltungsgerichtsverfahren sollte erreicht werden, dass die Stadt die Rodungsarbeiten solange einstellt, bis die Stadtbürgerschaft über den Bürgerantrag beraten und einen Beschluss getroffen hat. Diese Initiative war von Erfolg gekrönt. Gemeinsam mit Norbert Kentrup (Shakespeare Company), Klaus Ziegler (Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer) startete sie 1998 die Initiative "Mehr Demokratie wagen", die sich für ein Volksbegehren einsetzte um eine Veränderung des Wahlrechts zu erreichen. dieses Volksbegehren wurde durch ein Gerichtsurteil untersagt, allerdings wurde das Wahlrecht dennoch geändert, das nun eine Direktwahl von Kandidaten ermöglicht.

Nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven parteipolitischen Arbeit hielt sie jedoch noch zahlreiche Vorträge bei unterschiedlichen Vereinen zu verschiedenen Themen aus ihrer politischen und parlamentarischen Erfahrung. Sie malte - so steuerte sie zur Ausstellung "50 Jahre Bundesrepublik" in Berlin einige handgemalte Plakate ("Esel, Hund,Katz und Hahn verfallen nicht dem Wachstumswahn" oder "Macht Euch auf die Haxen, Wir Grünen wachsen") bei und schaffte Skulpturen aus Ton, Stein und Bronze, die sie anlässlich ihres 75. Geburtstages in der Galerie einer Freundin ausstellte. Sie schrieb Geschichten und Gedichte und noch 2012 beteiligte sie sich auch dem Projekt "Zwiesprache Lyrik".

Die Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann attestierte der Verstorbenen, dass sie den grünen Senatorinnen und weiblichen Abgeordneten den Weg in die Politik geebnet habe.

Literatur und Quellen
Christine Bernbacher: Die Arbeit im bremischen Petitionsausschuß in: Reinhard Bockhofer, (Hrsg.) Mit Petitionen Politik verändern, Seite 216-221

1 Weser-Kurier 30.6.2010
3. http://www.nordsee-zeitung.de/region/Bremen_artikel,-Mit-Dackel-ins-Parlament-_ Artikel vom 21.10.09 2. taz 28.12.2010, Interview mit Klaus Wolschner
4.Ilka Lankowski http://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/kein-einsatz-ohne-absatz-1294473.html),hier auch Bildquelle
5. ebda.
6.taz -Bremen, Nachruf Klaus Wolschner, 23.9.2013
7. TAZ-Interview
8. xity deutschland Di. 29.03.2011 11:43
StAB 258-97-08 Bd. 20 und 21
Weser Report, 1.7.2001, Grüne Oma" und Musiknarr,Christine und Klaus Bernbacher: Auch im Alter immer neue Aufgaben
Bundesversammlungen Die Grünen, Januar 1980 bis Januar 1993, www.boell.de/downloads/.../bundesversammlungen_die_gruenen.pdf

Autorin:Edith Laudowicz Bild: Ilka Langkowski