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Johanna Lucie Henriette Hartig, verw.Lorenz, verh.Flechtmann, "Fisch Lucie"
9.3.1850 Bremen - 10.8.1921 Bremen


Johanna Lucie Henriette Hartig wurde als Kind des Fischhändlers Heinrich Ludwig Hartig geboren. Die Familie lebte in der Allarmstr., die es heute nicht mehr gibt.1 Sie konnte als Mädchen noch sehen, "wie auf dem Bremer Marktplatz große Lachse verkauft wurden und wie die Händler einen in der Weser gefangenen Stör von vier Metern Länge schlachteten.2 Wann sie ihren ersten Ehemann (Nachname Lorenz) heiratete und ob und wieviele Kinder sie aus dieser Ehe hatte, ließ sich bislang nicht ermitteln.
Als sich Lucie Flechtmann 1890 von ihrem zweiten Ehemann, dem Schlossermeister Albert Diedrich Heinrich Flechtmann, trennte, hatte sie aus ihren zwei Ehen 17 Kinder allein zu versorgen. Der Bremer Autor Karls Lerbs beschrieb in seinem Buch "Die besten Bremischen Anekdoten" ein Erlebnis mit ihr: Die "Unzahl ihrer Kinder " sei abends von "hilfreichen Händen im ganzen Stadtviertel aufgelesen und rudelweise herbeigeschafft" worden. "Eines Abends als Lucie gerade am Waschfass stand, brachte eine Nachbarin ein etwa dreijähriges, markerschütternd brüllendes Kind herbei, das bis zur völligen Unkenntlichkeit verschmutzt am Ufer der Weser gespielt hatte. ‚Gehört das auch bei deine?' fragte sie. Lucie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, deutete mit einer Kopfbewegung auf eine entfernte Ecke, in der es von ebenso unkenntlichen Erscheinungen wimmelte. ‚Mal sehn', sagte sie. ‚Schmeiß es eers man bi 'n Bulten.'3
Sie wohnte zunächst in der Großen Annenstraße Nummer 96 und später beim Neustadtsbahnhof, wo sie mit Fischen und Kleidung handelte. Zudem hatte die resolute Geschäftsfrau einen Stand auf dem Marktplatz und war schon bald als Fisch-Lucie stadtbekannt. Sie galt als Frau mit großem Herzen und soll armen Leuten großzügig Fisch zugesteckt haben.
"Sie gilt als Mitbegründerin des FC Stern, wahrscheinlich diente der Raddampfer "Stern" als Namensgeber, auf dem sie gelegentlich mitgenommen wurde, und den Fischkuttern entgegenfuhr. Den Spielern gab sie nach besonders guten Spielen Bier, bzw. Limonade für die Jugendlichen, aus. Da sie die Familienverhältnisse der Kinder kannte, die zu dieser Zeit nicht besonders gut waren, gab sie den Kindern auch mal Fisch für ihre Familien mit oder lud sie zum Essen zu sich nach Hause ein.
Bei den Spielen stand Lucie regelmäßig am Spielfeldrand und unterstützte lautstark ihre Mannschaft - was bei den Spielern des FC Stern, aber besonders bei den Spielern der anderen Mannschaften gehörig Angst verbreitete. Als Fisch Lucie durchs Alter gezeichnet nicht mehr gut zu Fuß war, wurde sie von Spielern des FC Stern abgeholt und auf einem Stuhl zum Spielfeld getragen, damit sie den Verein weiterhin anfeuern konnte."4 Sie war die erste Frau, die einen Fußballverein unterstützte.


Sie war warmherzig, jedoch ließ sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Sie besaß auch eine große Schlagfertigkeit in Wort und Tat. So soll sie bei Streitigkeiten auf dem Markt ihren Fisch auch als Schlagwaffe eingesetzt haben, so bei dem Senator, der an den Schellfischen herumnörgelte, anderen nörgelnden Kunden schlug sie vor, sie sollten die Fische doch in Blumentöpfe pflanzen, wenn diese ihnen zu klein seien.
Um der der Konkurrenz voraus zu sein, "fuhr sie nachts mit ihrem Boot den heimkehrenden Kuttern entgegen, um Ware aufzukaufen."5 Des Öfteren kam es vor, dass die Fischkutter in Bremen anlegten und die anderen Fischhändler zu hören bekamen: "Lucie hätt all upköfft!". Dem zufolge mussten alle anderen Händler ihren Fisch über Lucie beziehen - natürlich gegen Aufpreis."6 "Kurz nach dem ersten Weltkrieg, als die ersten Fischkutter an der Schlachte festmachten, tauchte dort häufig Lucie Flechtmann auf, um nach ihren ‚Konkurrenten' auszuspähen. Wenn dann mehrere Kutter gleichzeitig ihre Waren anboten, kaufte sie unter Umständen die Ladung von drei Schiffen auf und ihre städtische Konkurrenz musste sich mit einem schälen Blick begnügen."7 .
Als Lucie Flechtmann 1921 im Alter von 71 Jahren starb, sperrte die Polizei sogar den Friedhof Buntentor ab, weil sich zu viele Menschen von ihr verabschieden wollten. Bei der Beerdigung kam es zu einem peinlichen Vorfall: der Sarg war zu klein und eiligst musste ein neuer herangeschafft werden.
Grab auf dem Buntentorsfriedhof
Ihr Enkel Johann Dietrich, gen. Jonny betrieb den Fischhandel am Domshof bis 1988 weiter, wo er am 17.11. mit großer öffentlicher Anteilnahme verabschiedet wurde.8 Ihre Tochter Lucie, verh. Götz, hatte in der Hermannstraße einen Laden, wo sie den Handel mit ähnlicher Vehemenz wie ihre Mutter fortführte. Auch sie hatte für die Armen stets eine offene Hand, allerdings holte diese Hand auch zum Schlag mit einem Schellfisch um die Ohren einer Frau aus, weil sie - wie ihr Nachbar meinte, eifersüchtig war. Die theaterbegeisterte Tochter spielte auf den Brettern des Thalia Theaters sich selbst aber auch die Rolle ihrer Mutter. Sie starb 1950.8


Im September 2003 wurde das ehemalige Gewerbegrundstück zwischen Westerstraße, Heinrich-Bierbaum-Straße und Grünenstraße aufgrund eines Vorschlags der Anwohner nach ihr benannt. Jedoch ein Jahrzehnt lang tat sich auf dem gepflasterten Platz nichts, 2013 entstand dort ein Gemeinschaftsgarten, demnächst soll der Platz neu gestaltet werden.

Literatur und Quellen: Domdey, Ute: Riensberger Gräber erzählen, S.98-101.
Fuhrmann, Helga in: Cyrus, Hannelore u.a.(Hrsg.): Bremer Frauen von A bis Z, S. 444.
Anmerkungen: 1.Über die Herkunft von Lucie Flechtmann: Wo wohnte eigentlich Fisch Lucie? Meyer Bernd, Bremer Geschichtenhaus.
2.Fuhrman, Helga Flechtmann Lucie, gen. Fisch Lucie: in Bremer Frauen von A-Z, Bremen 1991, S. 444, nicht ermitteln ließ sich bislang, ob sie Geschwister hatte und welche Schule sie besuchte.
3.Lerbs, Karl: Keine besonderen Kennzeichen in: Die besten bremischen Anekdoten, Bremen 1993, S. 145.
4.http://www.bts-neustadt-fussball.de/abteilungshistorie.html.
5.Fuhrmann, Helga 5.http://www.bts-neustadt-fussball.de/abteilungshistorie.html.
7.WK 21.7.1949.
8.WK 18.11.1988.
9.https://fkbgh.wordpress.com/2016/06/23/ueber-die-herkunft-von-lucie-flechtmann/.