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Irmgard Enderle, geb. Rasch

28.4.1895 Berlin - 20.9.1985 Köln

 

 

Irmgards Vater war Oberstudienrat. Sie besuchte das Mädchen-Realgymnasium. 1909 wurde sie Mitglied einer Mädchengruppe bei der Wandervogelbewegung und der Freiendeutschen Jugend. "1917 nahm sie an einer Versammlung des ‚Vortrupps' teil, einer lebensreformerischen Vereinigung, bei der sie erstmals bewußte Kriegsgegner kennenlernte."1 Sie absolvierte eine Ausbildung zur Lehrerin und studierte ab 1917 Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Pädagogik an der Universität Berlin.
Sie gründete eine sozialistische Studentengruppe und schloss zunächst der USPD, dann 1918 dem Spartakusbund und später der KPD an. Ab 1919 war sie in Berlin hauptamtlich in der Landesabteilung und später in der Gewerkschaftsabteilung tätig.1924 wurde sie Gewerkschaftsredakteurin der KPD-Tageszeitung ‚Klassenkampf’. Anfang 1929 wurde Irmgard Rasch als Anhängerin Kommunistische Partei-Opposition(KPO)von der Thälmann-Führung aus der Partei ausgeschlossen und wurde arbeitslos: Sie trat 1929 in die neu gegründeten KPO ein. 1932 wechselte sie nach ihrer Eheschließiung 1929 mit dem ebenfalls der KPO angehörenden August Enderle zur SAPD über, wo sie Mitglied der Ortsleitung in der Breslauer Ortsgruppe wurde und als Redakteuerin der SAZ-Sozialistische Arbeiter Zeitung arbeitete.
Gemeinsam mit ihrem Mann leitete sie nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 zunächst die illegale Arbeit der SAP.
Im Juni 1933 wurde sie verhaftet, wurde aber als einfache Hausfrau entlassen und konnte im August zunächst mit ihrem Mann in die Niederlande, die sie wieder verlassen mussten, nach Belgien und 1934 nach Stockholm/Schweden flüchten wo sie gemeinsam mit ihrem Mann und Willy Brand zu den führenden Köpfen der Exilgruppe gehörten. Sie war weiterhin in der SAP aktiv und hatte enge Kontakte zu Adolf Ehlers und seiner Frau.Sie hielten Kontakt zur Internationalen Transportarbeiterföderation, über die sie auch Material nach Bremen schickten.
Von hier aus unterstützte sie die unter den Decknamen Kleopatra und J.Reele Widerstandsgruppen der Partei in Norddeutschland, war in der ‚Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Schweden' und bis zu den Moskauer Prozessen 1937 in der "Bewegung für eine Volksfront" aktiv.
Weiterhin schrieb sie für die schwedische Gewerkschaftspresse und die schweizerische ‚Rote Revue' und arbeitete als Deutschlehrerin und Übersetzerin. Von Schweden aus unterstützete sie auch die illegale Arbeit der Mitglieder der SAP.
Mit der schwedischen SAPD-Landesgruppe trat sie im November 1944 der SPD bei.
Im Sommer 1945 kehrte Irmgard Enderle zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland zurück, wo sie sich in Bremen niederließen und sich für Wiederaufbau der örtlichen SPD und der Bremer Gewerkschaften engagierten. Sie trat auf zahlreichen Veranstaltungen als Referentin auf und sprach zu Themen wie "Die Nöte der Frauen", "Wirtschaft und Politik" und über die Notwendigkeit der Frauen, sich an Wahlen zu beteiligen. Allerdings erlebten sie, dass sich die Hoffnungen auf einen Neuanfang - vor allem auch einen Anfang, der entscheidend die Großbetriebe verstaatlichte - nicht so umsetzen ließen, da sie auf feste Parteistrukturen stießen und auf eine eher passive Parteimitgliederschaft. 1946 war sie entscheidend an der Gründung des Bremer Frauenausschuss beteiligt, der sich für die elementaren Lebensgrundlagen der Menschen ebenso einsetzte wie für die rechtliche und politische Gleichstellung von Frauen.
Die weiteren Gründungsmitglieder waren Käthe Popall, Agnes Heineken, Anna Klara Fischer und Anna Stiegler. Von April bis November war sie Mitglied der von der Militärregierung eingesetzten Bremischen Bürgerschaft.
Außerdem war sie ab März 1946 Mitbegründerin und Frauen-Schriftleiterin des 1945 von den Amerikanern lizenzierten "Weser-Kuriers", wo sie bis 1947 als Redakteurin arbeitete. Unter dem Namen Rasch-Enderle verfasste sie monatlich Artikel, überwiegend zu Frauenthemen. Schon früh setzte sie sich dafür ein, Hausarbeit als gesellschaftlich wichtige Arbeit anzuerkennen. "Auch die Hausfrau ist berufstätig! Ihre Arbeit ist notwendig, und es ist grundfalsch, diesen Beruf nicht als vollwertig anzusehen."2.Sie trat dafür ein, mehr Frauen für die gewerkschaftliche Arbeit zu gewinnen und argumentierte gegen die Zuweisung sozialer Aufgaben an Frauen im ehrenamtlichen und politischen Bereich.
In einem langen Artikel legte sie ihre Auffassung über "die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft" dar und wandte sich gegen eine biologistische Zuordnung von Verhaltensweisen. "Schuld daran und dass die Technik zur Unterdrückung wichtiger menschlicher Bindungen und von Menschen durch Menschen geführt hat,ist nicht ein dem Manne in ganz besonderer Weise eingeborener Vernichtungstrieb im Gegensatz zu einem weiblichen Erhaltungstrieb), sondern die Art der Gesellschaftsordnung. sie zu verändern, ist die große Aufgabe unserer Zeit."3
Sie setzte sich für die Gleichstellung von Frauen im Erwerbsleben ein und forderte vor allem auch die Ausweitung der Berufsmöglichkeiten, zugleich argumentierte sie gegen alle Versuche, Frauen wieder aus dem Erwerbsleben zu verdrängen: "Wenn Krise und Arbeitslosigkeit herrschen, so wird das Problem niemals dadurch gelöst, dass man die verheirateten Frauen aus der Erwerbsarbeit ausschaltet. Das bedeutet nur ein Ausweichen und Ablenken von den eigentlichen Problemen,auf Kosten eines geringen Teiles der Gesellschaft, den man für wehrlos hält."
1947 zog sie mit ihrem Mann nach Köln, wo sie bis 1949 als Redakteurin der Zeitung 'Der Bund' arbeitete und von 1949-1951 bei der DGB-Zeitung ‚Welt der Arbeit'. Von 1948-49 war sie Mitglied des Bizonen-Wirtschaftsrats in Frankfurt/M, von 1950-1955 im Vorstand der IG Druck und Papier in Köln, dort auch Vorsitzende im DGB-Frauenauschuss. Als freie Journalistin war sie u.a. in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit tätig.
, von 1948-1949 im Wirtschaftsrat der Bizone.
1950-1955 gehörte Irmgard Enderle dem Vorstand der IG Druck und Papier an und war zeitweise Vorsitzende der Deutschen Journalisten Union und war Mitglied Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes(VVN) und der Humanistischen Union.

Anmerkungen:
1.Grebing Helga (Hrsg.):Lehrstücke in Solidarität: Briefe und Biographien deutscher Sozialisten 1945-1949, S.327
2.WK 22.10.45
3.WK 1.4.46
4.WK 2.11.46

Publikationen: Nazismen och Tysklands näringsliv. Stockholm 1944

Zur Nachkriegspolitik der deutschen Sozialisten. Stockholm 1944. (Mitverfasserin, mit Willy Brandt, August Enderle, Stefan Szende und Ernst Behm)
Frauenüberschuß und Erwerbsarbeit, Bielefeld 1947
längere Artikel im Weser-Kurier:

Die Frau hat das Wort, 19.9.1945
Frau und Politik - sollen Frauen das Wahlrecht haben 22.10.45
Artikel aus dem Weser-Kurier: Warum gehen wir wählen? 5.10.46
Die Frau als Funktionärin 8.12.45
Weihnachten - Fest der Mütter und Kinder, 22.12.45
Frauen-Erwerbsarbeit, 6.2.46
Menschen untereinander. 13.3.46
Wir rufen euch Frauen, 13.3.46
Freiheit und Menschlichkeit, Vom sinn der heutigen Maifeier, 1.5.46
Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft. 1.6.46

Doppelexistenzen, 2.11.46
Noch einmal; Gertrud Bäumer, 9.11.46
Frauenüberschuß und Erwerbsarbeit, Bielefeld 1947

Quellen: Bildquelle:AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung.
Bohn, Robert/Elvert Jürgen/Lammers, Karl Christian; Deutsch-skandinavische Beziehungen nach 1945, Stuttgart 2000 S. 145
http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/stichwort/enderle.htm
Euchner, Walter/Grebing, Helga: Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland:Sozialismus - katholische Soziallehre - protestantische Sozialethik ; ein Handbuch , S. 364
Dünzelmann, Anne: Stockholmer Spaziergänge, auf den Spuren deutscher Exilierter, 1933-1945
Grebing Helga (Hrsg.):Lehrstücke in Solidarität: Briefe und Biographien deutscher Sozialisten 1945-1949, S.327-328,Stuttgart 1983
Weber, Hermann/, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945,2.überarb. und stark erw. Auflage. Berlin 2008,
Günther, Dieter:Gewerkschafter im Exil,die Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Schweden von 1938 - 1945. [Schriftenreihe für Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung der Studiengesellschaft für Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung, Marburg; Bd. 28
AutorinEdith Laudowicz