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Sophie Dorothea Gallwitz
30.3.1864 Wernigerrode - 30.12.1948 Fischerhude



Sophie Dorothea war die Tochter des Pastors Karl Gallwitz (1828-1879) und seiner Frau Marie, geb. Götze (1836-1888). Nach dem Besuch der Höheren Töchterschule zog sie nach dem Tod ihrer Mutter 1888 nach Braunschweig zu ihrer Tante. Von dort ging sie nach München um dort eine Gesangsausbildung aufzunehmen. 1898 trat sie in Koblenz am Stadttheater auf. Diese Karriere verfolgte sie jedoch nicht weiter und zog ein Jahr später nach Dresden und nach nur einem Jahr kam sie nach Bremen, wo sie am Fedelhören 83 lebte.
Sie war 1901 als Solistin am Stadttheater engagiert, gab dieses Engagement aber schon 1902 auf. Fortan war sie als Autorin und Journalistin tätig. Zunächst trat sie als Musikkritikerin in Erscheinung. In einem Artikel 1904 in der Zeitschrift Die Frau -Monatszeitschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, sei 1897 herausgegeben von Helene Lange, für die sie 40 Artikel verfasste, erläuterte sie ihr Selbstverständnis als Rezensentin. Diese Tätigkeit sei einer der wenigen Berufe, der Frauen offenstehe. Sie problematisierte den Anspruch der Objektivität der einen subjektiven Zugang diskreditierte, denn in die Beurteilung künstlerischer Werke flössen immer auch subjektive Elemente ein und zitierte Voltaire: "Alle Gründe der Männer wiegen ein richtiges Gefühl der Frau nicht auf,.. die moderne Kritik fühlt sich weniger in den Dienst der Wissenschaft als der Kunst und damit den Künstlern identisch."1
Im Bremer Tageblatt veröffentlichte sie Kritiken über Opernaufführungen, es folgten zahlreiche Artikel über Frauenrechte und Publikationen über bremische Geschichte. In einem 1911 erschienen Artikel beschrieb sie das konventionelle Mädchenbild, welches häufig in der Volksweisheit münde, die da lautete: "Mädchen die pfeiffen und Hühner die krähen, muss man beizeiten den Hals umdrehn." Sie forderte das Recht auf Selbstentfaltung und praktizierte es auch gegen alle Konventionen: Schon 1908 war sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Musikpädagogin Margarethe Wolff, in eine gemeinsame Wohnung in ein Haus am Wall 163 eingezogen - eine Beziehung, die bis zu ihrem Lebensende anhielt und auch die Gefährdung der Nazizeit überstand, die der jüdischen Partnerin leicht hätte zum Verhängnis werden können.
Ihre journalistische Begabung wurde schnell deutlich und Alfred Faust, Reklamechef von Kaffee-Hag, engagierte sie nach Abstimmung mit seinem Arbeitgeber Ludwig Roselius für die Zeitschrift "Güldenkammer - eine Bremische Monatsschrift," 1910 als Mitherausgeberin, die weiteren Herausgeber waren Hermann Smidt, Fritz Grasberg und Konrad Weichberger. Die Zeitschrift erschien bis 1916. 1913 stellte sie in einem Beitrag Briefe und Tagebucheintragungen von Paula Becker-Modersohn vor, der Ludwig Roselius veranlasste, alle noch zu erwerbenden Bilder von ihr zu kaufen. 1924 beaufragte Roselius Berhard Hoetger mit der Planung des Umbaus der Böttcherstraße, der 1926 begann. Während des Baus entwickelte Roselius den Plan, in einem der Gebäude Kunst und speziell seine Werke von Paula Modersohn-Becker öffentlich zugänglich zu machen. Das Museum wurde am 2.Juni 1927 - dem 53. Geburtstag von Roselius -, ebenso wie die gesamte umgestaltete Böttcherstraße offiziell eröffnet.
Dorothea Gallwitz publizierte in der Zeitschrift Die Frau zahlreiche Artikel über die Künstlerin und 1917 erschien ihr erstes Buch "Eine Künstlerin: Paula Becker- Modersohn, Briefe und Tagebuchblätter", das in Abstimmung mit der Familie Becker und dem Ehemann Paulas erarbeitet worden war. Es wurde ein Verkaufsschlager. 1957 wurde es von Lieselotte von Reinken und Günther Busch redigiert.
In ihren weiteren Veröffentlichungen befasste sie sich mit der Geschichte Bremens.1919 erschien ihr Beitrag "Der Worpsweder Kommunismus" über die Novemberrevolution 1919 in Bremen, in der sie wenig Positives sah. Ihre politische Heimat sah sie eher in der Deutschen Demokratischen Partei. Mit dieser Veröffentlichung erntete sie erstmals harsche Kritik. Man warf ihr vor, sie habe Rilkes Artikel über Worpswede plagiiert, was diese jedoch zurückwies. Im gleichen Jahr gründete sie gemeinsam mit Wilhelm und Wera Tidemann die "Literarischen Privatkurse" aus denen 1924 die Neue Vortragsgesellschaft entstand, um "in kleinem Umfange zu versuchen,…einen Kreis literarisch und philosophisch Interessierter zu sammeln,. der sich vielleicht mit der Zeit zu einer Volkshochschule entwickeln kann."2
Eine sehr unrühmliche Rolle spielte sie im Fall Kolomak. Dorothea Gallwitz "konnte überredet werden, im "Berliner Börsenblatt" eine Darstellung des Falls aus der Sicht des Bremer Senats unter ihrem Namen zu bringen. In diesem Aufsatz wurde der Bremer Staat von aller Schuld reingewaschen - auf Kosten der Mutter Kolomak.3 Auch ihre beiden nächsten Werke über Bremer Geschichte ernteten böse Kritiken: 1926 erschien das Buch "Das schöne Bremen". Der Bremer Staatsarchivar Hermann Entholt veröffentlichte eine vernichtende Kritik: "Es muß nun leider gesagt werden, daß dieser also umrissene Text das flüchtigste Machwerk ist, dass mir je vorgekommen ist. Schon rein äußerlich wimmelt es die Arbeit von Druckfehlern… Es ist, als ob überhaupt keine Druckkorrektur gelesen wäre. ….nicht besonders steht es um den eigentlichen Gehalt dieses Buches. Es ist das Werk eines Autors, der eben schnell ein Buch über einen Gegenstand schreiben will, von dem er eigentlich gar nichts versteht. Es sind allerlei hastig zusammengeraffte Notizen aus teils fragwürdigen, teils unverstandenen Quellen, voll von sachlichen Fehlern, schiefen Ausdrücken, Unklarheiten."4 Der Artikel endet mit einer langen Liste von Aufzählungen der sachlichen Fehler. Auch ihr kleines Buch "Lebenskämpfe der alten Hansestadt Bremen", das 1926 erschien, fand keine Gnade. Alwin Lonke schrieb: "die ganze Fremde über den historischen Stoff verrät der erste -an sich so schöne - Satz: "Tief aus Vergangenheiten heraus und von so weit hinter allen geschichtlichen Tatsachen, daß man jede beweisbare Wirklichkeit beiseite lassen und sich nur an die Wahrheit mythischer Überlieferungen halten kann, schwingt die früheste Kunde über Bremen" Bücher die so eingeläutet werden sollte man gleich zuklappen und ungelesen liegen lassen, denn sie begehen frevelhaften Raub am kostbaren Gute der uns kärglich zugemessenen Zeit."5 In dem 1927 erschienenen Buch "Der neue Dichter und die Frau" setzte sie sich mit dem Verhältnis der Autoren - unter ihnen Arnold Bronnen, Walter Hasenclever, Leonhard Frank, Fritz von Unruh - zu Frauen auseinander. 1933 erinnerte sie mit einem langen Aufsatz an Betty Gleim und 1941 erscheint ein Artikel über Mozart in Die Frau, 1938 erschien Das Schicksal ruft - das Lebensbild Cosima Wagners.
1944 wurde durch einen Bombenangriff ihre Wohnung zerstört, sie verlor ihre gesamte Bibliothek. Zuflucht fand sie in ihrem Wochenendhaus in Fischerhude Gurheide. Auch in dem kleinen Häuschen traf sich die 80jährige noch mit Freunden und zu diskutieren und Leseabende durchzuführen. Und dort stellte sie ihr letztes Buch zusammen, eine Auswahl aus Jakob Burkards Werk, das 1946 erschien. Eine Auswahl der Werke Philipp Otto Ringes und ein Essay über "Der Arbeiter" blieben Fragmente.6

Anmerkungen
1.König,Johann-Günter: Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981, S.63
2.ebda. S.77
3.Meyer-Renschhausen, Elisabeth, Weibliche Kultur und soziale Arbeit, S. 357
4.Bremisches Jahrbuch 30. Bd. 1926, S. 461.ff
5.Bremisches Jahrbuch 31, 1928 S.434 ff
6.König, S.105
Publikationen:
Eine Künstlerin: Paula Modersohn-Becker- Briefe und Tagebuchblätter, Hannover 1917
Der Worpsweder Kommunismus in: Breves, Wilhelm/Müller Paul (Hrsg.:Bremen in der deutschen Revolution vom November 1918 bis zum März 1919. In einem geschichtlichen Ueberblick, Bremen 1919,
Dreißig Jahr Worpswede: Künstler, Geist, Werden, Bremen 1922
Der alte Baron, Wilhelmshaven 1924
Das schöne Bremen. Die Lebensgeschichte einer Stadt, Bremen-Wilhelmshaven 1925
Lebenskämpfe der alten Hansestadt Bremen, Jena 1926
Der neue Dichter und die Frau, Berlin 1927
Bremen wie es ist und wie es wurde. Ein Kulturführer für Fremde und Einheimische, Bremen 1929
Gibt es eine weibliche Kunst?;Die Frau, Juli 1938
Die bremische Pädagogin Betty Gleim. 1781-1827, in: Bremer Nachrichten 13.12.1931
Frauen in Bremens Kultur in älterer und neuerer Zeit, in: Bremer Nachrichten 11./21.6.1934
Das Schicksal ruft. Ein Lebensbild Cosima Wagners, Leipzig 1938
Bremer Gästebuch, eine Aufsatzreihe: Bremer Nachrichten 3., 17.Nov., 1., 5., 25/26.Dez. 1935, 12.1,.26.Jan., 9. Feb. 1., 5., 29. März,.19., 26. Apr.,3.,24.Mai, 9. Juni 1936
Aus der Kinderstube des bremischen Theaters, eine Aufsatzreihe: Bremer Nachrichten 20..27.Juni, 18.Juli., 22.,.29.Aug., 19.Sep.., 23.10.,19.Nov.., 17,13 Dez.,1937 Jakob Burkhardt: Eine Auswahl, Reinbek 1946
Worte ihres Werdens und Wachsens / Paula Modersohn. Eine Auswahl von Sophie Dorothee Gallwitz, 1949
Beiträge in: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, Hrsg. von Helene Lange (Ausgaben 1903-1940)
Mitherausgeberin von: Die Güldenkammer. eine Bremische Monatsschrift, Bremen 1910 - 1916
Artikel dort:
Opernrezensionen regelmäßig in den Heften
Das Auffallende und die Mode,Heft 1, 2. Jahrgang,S. 187-189
Frauenrechte,1. Jg. Heft2 S. 80-85
Caruso,1. Jg. Heft 3. 158-160
Bayreuth und Bremens Frauen, ebda. S.229-230
Das Bremer Schaupielhaus, Heft 1, 4.Jg. S. 55 - 58


Literatur und Quellen:
Bremische Jahrbücher 30 u. 31 König,Johann-Günter: Sophie Dorothea Gallwitz Vision der neunen Frau, in:Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981, S.55 - 106,hier sind auch zahlreiche Originaltexte von ihr abgedruckt.
Rohde,Hedwig: Weser Kurier 8.1.1941
Roselius, Hildegard: Ludwig Roselius und sein kulturelles Werk, Braunschweig 1954
Roselius Brief, Bremen 1919
Seekamp, Hans-Jürgen in: Bremische Biographien 1912 bis 1962, Bremen 1969
AutorinEdith Laudowicz