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Graeber, Maria Helene
25.9.1886 in Düsseldorf - 24.3.1964 in Bremen


Helenes Großvater war der Bremer Pastor Vietor, ihr Vater der Leiter des Diakonischen Mutterhauses in Witten an der Ruhr. Nach der Schulzeit begann sie eine Ausbildung zur Gemeindehelferin in Gelnhausen. Dann ging sie nach Berlin, war zunächst Stadtmissionarin und wurde im Burckhardthaus Berlin-Dahlem weiter ausgebildet.

1918 kam sie nach Bremen, 1919 wurde sie von der Inneren Mission als "Berufsarbeiterin für die Stadtmission" angestellt, die sich bis zum September 1927 im Haus der "Norddeutschen Missionsgesellschaft" (Dobben 123) befand. Ihre Haupttätigkeit "war das éKränzchen für Hausangestellte', in dem sie Mädchen und junge Frauen sammelte, die in Bremen bei "Herrschaften in Stellung" waren. Im Jahresbericht der Inneren Mission von 1929 heißt es:
"Das Heim und éKränzchen für Hausangestellte' bietet allen Mädchen in häuslicher Stellung (Stützen, Kinderfräulein, Köchinnen, Hausmädchen) Zusammenschluss u. Verkehr mit Standesgefährtinnen, gemütliche Geselligkeit u. eine Heimstätte."1 Die Treffen fanden einmal wöchentlich und jeden Sonntagnachmittag in zwangloser Atmosphäre statt.
"Es wurden Spiele gemacht, ein aktuelles Thema besprochen, viel Gespräch untereinander, Singen und Musizieren, alles, was zur Geselligkeit beitrug. Kein Zusammensein war ohne eine Andacht oder Bibelarbeit, die Tante Helene sorgfältig vorbereitet hatte. An Wochenenden oder in Ferienzeiten wurden für die Hausangestellten Freizeiten angeboten."2
Im Jahresbericht 1929 wurden 5.725 Besucherinnen genannt. Sie initiierte die Gründung einer Ortsgruppe der "Berufsvereinigung Evangelischer Hausgehilfinnen in Bremen". In regelmäßigen Abständen wurden Abende veranstaltet, in denen berufliche Fragen besprochen wurden wie z.B. das wichtige Thema der Altersversorgung.

Sie schrieb über ihre Erfahrungen mit den jungen Frauen: "Wohl wenige Menschen sind so alleinstehend und sich selbst überlassen, wie zugezogene Hausmädchen. Jung und unerfahren, erlebnishungrig und erwartungsvoll kommen sie in die große Stadt und sind, ohne unser Heim, in ihrer freien Zeit auf Kino und Tanzlokale angewiesen.

Ich hatte ein junges Hausmädchen zu betreuen, dass aus der Osnabrücker Gegend nach Bremen gekommen war. In andere Umstände gekommen, kam sie infolge von Abtreibung vors Gericht...Leider kommt es vor, dass ein Mädchen aus dem éKränzchen' entgleist. Zuerst verschwindet sie leise von der Bildfläche, man ladet sie ein, wieder und wieder. Die Adresse verändert sich und man findet sie nicht mehr. Auf einmal heißt es: NN ist im Wöchnerinnenasyl und erwartet ein uneheliches Kind. Nun fängt der Dienst an ihr aufs neue an. Zuerst wird das Anknüpfen von ihr dankbar angenommen, denn nun ist die Not da mit vielen Sorgen und Fragen. Später das zeitraubende Besuchen."3
Neben dieser Tätigkeit richtete sie die sog. Freimarktsmission ein, die sich um die Schausteller, besonders um die damals als Attraktion präsentierten "Liliputaner" kümmerte. Während des Krieges übernahm sie in einigen Kirchengemeinden den Konfirmandenunterricht für die "im Felde" stehenden Pastoren. Sie arbeitete im Bruderrat der Bekennenden Kirche mit. Die Wohlfahrtsarbeit der Inneren Mission wurde nach und nach durch die NS-Volkswohlfahrt verdrängt. Schon 1934 wurden Zuschüsse aus der Zentralkasse der Bremischen Landeskirche verweigert und auch öffentliche Sammlungen untersagt. Dennoch setzte die Innere Mission ihre Tätigkeit, so gut es ging, fort. Das Haus allerdings wurde 1941 an die NS-Volkswohlfahrt, die dort eine Ausbildungsstätte für Mutterschaftspflegerinnen einrichten wollte, vermietet. Damit verlor die weibliche Stadtmission ihr Heim. Sie zog in die Geschäftsstelle der Inneren Mission in die General-Ludendorf-Straße 38, (heute Birkenstraße/Bürgermeister-Smidt-Straße). Das Haus wurde in der Nacht vom 11. auf den 12.5. desselben Jahres durch Brandbomben total zerstört.
Nach dem Krieg konnte man wieder ins Wichernhaus ziehen und sie, unterstützt durch ihre jüngere Schwester Margareth, nahm ihre Arbeit im "Abendheim für alleinstehende Mädchen" wieder auf. Es war ein Treffpunkt für junge alleinstehende berufstätige Mütter, mehrheitlich als Hausgehilfinnen tätig, wo sie unter ihrer Leitung mittwochs und sonntags über berufliche und private Fragen sprachen und auch gemeinsam kulturelle Veranstaltungen besuchten und Ausflüge machten.
Als sie im 78.Lebensjahr starb, war sie die dienstälteste Mitarbeiterin der Inneren Mission.


Literatur und Quellen:
Graeber, Helene, in: Das Wichernhaus am Dobben, Verein für Innere Mission, Bremen o.J
Schmitter, Romina: Die Dienstmädchen, in: Dienstmädchen, Jutearbeiterinnen und Schneiderinnen, Bremen 1996, S.32-48
WK. 5.2.1962, 25.3.1964
Anmerkungen:
1.Graeber, Helene, S.12
2.ebda. S.12.
3.ebda.


Autorin: Edith Laudowicz