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Krüger, Helga
1.4.1940 Essen - 22.2.2008 Bremen


Helga Krüger wuchs mit ihrem Bruder in Dortmund auf.Ihre Mutter ging nach dem Tod ihres Mannes,der Zahnarzt in Essen gewesen war und den sie als Zahnarzthelferin kennen gelernt hatte,in den ersten Kriegstagen in den elterlichen Haushalt nach Dortmund zurück. Ihre Mutter drängte darauf, das Gymnasium zu verlassen, doch sie wollte de Wunsch nicht folgen und konnte mit Hilfe eines Stipendiums für Kriegshalbwaisen ein Studium beginnen. Ihre Mutter drängte auf ein Lehramts-Studium. Um das Fach "Französisch" auch später gut unterrichten zu können, ging sie für sechs Monate als Aupair-Mädchen nach Paris.
Ab 1960 konnte sie ihr Studium Romanistik, Philosophie, Sportwissenschaft und Soziologie an den Universitäten Marburg aufnehmen, wechselte nach Kiel und erreichte dort die Qualifikatio für das Lehramt an Gymnasien, Sekundarstufe II, mit den Fächern Romanistik, Sport und als drittem Lehrfach Soziologie.
Nun auch Lehrerin zu werden konnte sie sich jedoch nicht vorstellen. Ein Stipendium ermöglichte ihr die Fortführung des Studiums für die Erarbeitung einer Doktorarbeit im Fach Soziologie. Während ihrer Studienzeit in Kiel engagierte sie sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und wurde hier erstmals mit der Geschlechterfrage konfrontiert "Die Tomaten der Frankfurter SDS-Frauen auf Jürgen Krahl fand ich angesichts seines Macho-Gehabes gerecht."1

Promotion und erste Forschungen

1970 promovierte sie in den Fächern Romanistik, Soziologie und Erziehungswissenschaft mit einer literatursoziologischen Dissertation zum Thema "Die Märchen von Charles Perrault und ihre Leser". Nach einer Tätigkeiten als wissenschaftliche Assistentin (1970 - 1971) an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld und als wissenschaftliche Rätin am Institut für Soziologie der Universität Hamburg (1971 - 1974) wurde sie 1974 Professorin für Soziologie, familiale und berufliche Sozialisation an der Universität Bremen. Im gleichen Jahr heiratete sie Wolfgang Müller, lebte in einer Wohngemeinschaft, konnte aufgrund der Wohnform und der finanziellen Situation nach der Geburt der Zwillinge ihre wissenschaftliche Karriere fortsetzen.
Ihr Forschungsinteresse richtete sich auf die Gleichstellung der Geschlechter in Bildung, Beruf, Arbeit und Kindererziehung. In einem längeren Aufsatz zeichnete sie anhand der eigenen Biografie ihren Weg in die Geschlechterforschung nach: "Meine erste Erinnerung an Geschlecht als gesellschaftliches Ordnungssystem bindet sich an meine Großeltern ... meines Großvaters Aussage: ‚Mädchen die pfeifen und Hühnern die krähen, soll man beizeiten die Hälse umdrehen." Sie nennt die Schönheitsklischees in den 50er Jahren, denen sich Frauen unterwerfen mussten, "die Balanceakte zwischen‚aufregend anziehend' und ‚sittsamer Koketterie'", nennt das Schattendasein von Frauen ohne Partner, die Kontrolle über nicht zulässige Körperhaltungen und die "Rigidität der Kleiderordnung."2 All diese Aspekte fanden Eingang auch in die Forschungs- und Publikationstätigkeit.
Von 1998 bis 1999 war sie Sprecherin und Leitungsmitglied des in dem von ihr mit gegründeten und mit geleiteten DFG-Sonderforschungsbereichs "Statuspassagen und Risikolagen im Lebenslauf" und von 1991 bis 1992 Sprecherin des DFG-Graduiertenkollegs "Lebenslauf und Sozialpolitik". Schwerpunkte ihrer kontinuierlichen und intensiven Forschungsarbeit und Publikationstätigkeit waren weiterhin Sozialstruktur, Bildung, Arbeit und Beruf, familiäre und berufliche Sozialisation.

Engagement gegen frauenspezifische strukturelle Benachteiligung


Besonders setzte sie sich dafür ein, "die strukturellen Benachteiligung der Bildungswege in weiblich stereotypisierten Berufen aufzuheben und Absolventinnen klassischer weiblicher Sackgassenberufe (wie Erzieherinnen und in der Pflege Tätige) Aufstiegschancen zu eröffnen. So setzte sie die Studiengänge für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen Sekundarstufe II, für die Tätigkeitsbereiche Sozialpädagogik/Sozialarbeit und Pflegewissenschaft durch, in denen sie selbst hauptberuflich tätig war." 3
2006 wurde der Studiengang "Fachbezogenen Bildungspädagogik" eingerichtet, der die Studierenden befähigen soll, in Kindergärten oder Grundschulen zu arbeiten."4
Sie war außerdem Gutachterin der DFG für das Schwerpunktprogramm "Professionalisierung, Organisation, Geschlecht", Mitglied der DAAD Auswahlkommission für Doktorandenstipendien, Beiratsmitglied des Deutschen Jugendinstituts (DJI), des Instituts zur Erforschung sozialer Chancen (ISO) und Beiratsmitglied von Zeitschriften und Buchreihen.
"Aufbauend auf dieser Forschung über Geschlechterverhältnis, Arbeit und Familie hat Helga Krüger nicht nur wesentliche Beiträge zur Entwicklung einer Theorie des Lebenslaufs geleistet, sondern sich auch folgenreich in der Politikberatung engagiert. Als Mitglied der Expertenkommission der Bundesregierung für den siebten Familienbericht hat sie die Konzeption einer lebenslaufbezogenen Familienpolitik mit geprägt."5

Sie beteiligte sich an der Einrichtung der von der Volkswagenstiftung finanzierten Graduate School of Social Sciences (GSSS). Seit 2001 war sie Mitglied im Institut für Empirische und Angewandte Soziologie (EMPAS).
"Unter den vielfältigen Auslandskontakten spielten das Life Course Center der University of Minnesota in Minneapolis, wohin sie eine langjährige Freundschaft mit Jeylan Mortimer und Phyllis Moen (zuvor Direktorin des Bronfenbrenner Life Course Center, Cornell) verband, die University of Toronto und die University of Education, London, eine besondere Rolle. ... Helga Krüger war ideenreich, zielstrebig, hartnäckig, kämpferisch, konfliktfreudig, schonte in Auseinandersetzungen weder sich noch Gegner. Aber es war leicht, die Wogen wieder zu glätten. Grundtenor des Umgangs war eine fachliche und persönliche Offenheit, verbunden mit gutgelaunter Herzlichkeit. Aus der Lehre bleibt das Lachen von Studierenden und Lehrender aus Helga Krügers Kursen in der Pflegewissenschaft in Erinnerung, das durch die Gänge des Sonderforschungsbereichs schallte. Helga Krügers Leben spiegelt ein Stück der deutschen Nachkriegsgeschichte wider und hat auf diese jenen Einfluss genommen, der Wissenschaftlern angemessen ist. Hierzu gehört der Beitrag zur Konsolidierung des Faches in professioneller Forschung und Lehre an deutschen Universitäten." 6
Anmerkungen: 1.In memoriam Helga Krüger, 1.April 1940-22.Februar 2008,
2.WK 23.3.2006.
3.Familie zwischen Verlässlichkeit und Flexibilität, 2006, mit Hans Bertram, C. Katharina Spieß, Jutta Allmendinger u. a.). 4.In memoriam Helga Krüger, a.a.O.

Publikationen (Auswahl):
Familie und Generationen. Der Gender Gap in den Paarbeziehungen. In: Mansel, Jürgen/Rosenthal, Gabriele/Tölke, Angelika (Hrsg.): Generationen-Beziehungen
Austausch und Tradierung. Opladen 1997, S.31-42
Krüger, Helga, Born, Claudia: Vom patriarchalen Diktat zur Aushandlung - Facetten des Wandels der Geschlechterrollen im familialen Generationenverbund.In: Kohli, Martin, Szydlik, Marc (Hrsg.): Generationen in Familie und Gesellschaft. Opladen 2000, S.203-221

Krüger, Helga, Kriesel, Petra, Piechotta, Gudrun, Remmers, Hartmut, Taubert, Johanna (Hg.) Pflege lehren - Pflege managen. Eine Bilanzierung innovativer Ansätze. Frankfurt/Main, 2000
Krüger, Helga, Born, Claudia (Hrsg.) (2001): Individualisierung und Verflechtung. Geschlecht und Generation im Lebenslaufregime in: Breitenbach, Eva/Bürmann, Ilse, Liebsch, Katharina, Mansfeld: Territorien - Zur Konzeptualisierung eines Bindeglieds zwischen Sozialisation und Sozialstruktur, Weinheim, München 2001
Micus-Loos, Christiane (Hrsg.): Geschlechterforschung als Kritik. Zur Relevanz der Kategorie "Geschlecht" heute. Festschrift für Carol Hagemann-White. Bielefeld 2002, S.29-48. Hrsg. vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg
Literatur und Quellen:
Allmendinger, Jutta/Bertram, Hans/Spieß, Katharina C., u.a.: Familie zwischen Verlässlichkeit und Flexibilität, Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik, Siebter Familienbericht, Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend Deutscher Bundestag Drucksache 16/1360 16. Wahlperiode 26.4.2006
Krüger, Helga: Endlos studieren. Zum Spannungsverhältnis von Widerstand und Verstummen, Engagement und Leistung. In: Vogel, Ulrike (Hrsg.): Wege in die Soziologie und die Frauen und Geschlechterforschung, Autobiographische Notizen der ersten Generation von Professorinnen an der Universität Wiesbaden: 2006-2007
Weymann, Dr. Ansgar: In memoriam: Nachruf Prof Helga Krüger, 1.April 1940 - 22.Februar 2008, http://www.uni-koeln.de/kzfss/nekrologe/ks08krueger.htm, http://www.uni-koeln.de/kzfss/nekrologe/ks08krueger.htm, Zugriff: 22.5.2015
WK 23.3.2006
Autorin: Edith Laudowicz