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Lühring, Johanne, gen. Anna, verh. Lucks


3.8.1796 Bremen - 25.8.1866 Horn bei Hamburg


Anna Lühring wurde als Tochter des Zimmermeisters Johann Christoph Lühring und seiner Frau Margarethe Marie, geb. Alfken geboren. Sie wohnten in der Brautstraße.
Sie hatte drei Brüder (Andreas *1790, Herrmann *1792 und Johann *1797) und eine Schwestern (Catharina Maria *1794)1. 1811 wurde ihr Vater beauftragt, den Schütting umzubauen, was er auch unter der französischen Besatzung tat, allerdings blieb man ihm die volle zugesagte Summe schuldig, so dass er noch viele Jahre um die Begleichung der Restschuld klagte.2 1812 starb ihre Mutter.

Die Niederlage Napoleons in Russland führte dazu, dass der preußische König Friedrich Wilhelm III. dem napoleonischen Frankreich den Krieg erklärte. Neben den regulären Truppen kämpften aber auch Freiwilligeneinheiten und Freikorps. Das Freikorps Lützow wurde für nichtpreußische Freiwillige aufgestellt, die in ihm Dienenden waren nicht auf den König, sondern auf das Vaterland vereidigt worden.

Am 15. Oktober 1813 zog Generalmajor Tettenborn3 mit seiner Reiterei in Bremen ein, musste bald aber wieder weichen. Am 4. November 1813 erreichte er wieder Bremen und mit Hilfe des Lützower Freikorps kapitulieren die Franzosen gegen freien Abzug. Aus Dankbarkeit über das Ende der Besatzung nahm die Familie Zimmermann den Jäger Ewald des Freikorps bei sich auf. Innerhalb der Bevölkerung gab es eine breite antinapoleonische Stimmung. Zum Kampf gegen Napoleon hatten die preußischen Prinzessinen Marianne, Prinzessin zu Preußen, Wilhelmine, Princessin zu Oranien, Auguste, Kurprinzessin von Hessen, Wilhelmine, verwitwete Prinzessin von Oranien, Prinzessin Ferdinanda von Preußen"4 am 1. April 1813 auch die Frauen aufgerufen:

"Das Vaterland ist in Gefahr! so sprach der König zu seinen getreuen, ihn liebenden Unterthanen, und alles eilt herbei, um es dieser Gefahr zu entreißen. Männer ergreifen das Schwerdt und reißen sich los aus dem Kreise ihrer Familien, Jünglinge entwinden sich der zärtlichen Umarmung liebender Mütter und diese voll edlen Gefühls, unterdrücken die heilige Mutterthräne. Alles strömt zu den Fahnen, rüstet sich zu dem blutigen Kampfe für die Freiheit und Selbstständigkeit- Die Falle, die im Busen eines Jeden lodert, sicher den glücklichen Ausgang. Aber auch wir Frauen müssen mitwirken, die Siege befördern helfen, auch wir müssen uns den Männern und Jünglingen vereinen zur Rettung des Vaterlandes. Darum gründe sich ein Verein zum Wohle des Vaterlandes. Gern stellen wir uns, die wir dem Vaterlande angehören, an die Spitze dieses Vereins. Wir hegen festes Vertrauen, es wollen die edelmütigen Frauen und Töchter jeden Standes mit uns dazu beitragen, dass Hülfe geleistet werde den Männern und Jünglingen, die für das Vaterland kämpfen, damit es wieder in der Reihe der geachteten Staaten stehe, in welchem der Friede seine Segnungen ausströmen könne. Nicht blos baares Geld wird unser Verein annahmen, sondern jede entbehrliche werthvolle Kleinigkeit, - das Symbol der Treue, den Trauring, die glänzende Verzierung des Ohres, den kostbaren Schmuck des Halses. Gern werden monatliche Beiträge, Materialien, Leinwand, gesponnene Wolle und Garn angenommen und selbst unentgeltliche Verarbeitung dieser rohen Stoffe als Opfer angesehen werden. Solche Gaben, Geschenke und Leistungen, geben fortan das Recht, sich "Theilgenossen des Frauenvereins zum Wohle des Vaterlandes' zu nennen...."

Die Frauen folgten diesem Appell, sie spendeten Schmuck und Bekleidungsstücke, pflegten Verwundete und gründeten sogar Lazarette. "Gleichzeitig mit jener warmen hingebenden Theilnahme an dem großen Nationalkampf, bildete sich auch hier ein Frauenverein, durch deren edelmütige, unermüdeter Anstrengungen den erkrankten und verwundeten Vaterlandsvertheidigern Pflege und Erquickung wurde. Dieser edle Verein dauert seit der Zeit zu einem wohltätigen Zwecke fort: indem verschämte Arme von demselben unterstützt, und Kinder hülfsbedürftiger Eltern von ihm gekleidet und durch freyen Unterricht gebildet werden."5
Es gab aber auch einige Frauen, die sich dem bewaffneten Kampf anschlossen: So Dorothea Friederike Krüger aus Friedland (Mecklenburg), Tochter eines Ackerbürgers, die sich unter dem Namen August Krüger dem Yorckschen Freikorps anschloss, mehrfach scher verwundet wurde und dennoch mit ihm bis nach Paris gelangte. Sie wurde vom preußischen König mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, Friedrich Rückert ehrte sie mit einem Gedicht. Maria Werder aus Sagan/Schlesien trat als Husar in das Freicorps ein, Marie Bucholz aus einem Dorf bei Küstrin meldete kämpfte ebenfalls und unter dem Namen Carl Petersen trat ein junges Mädchen in das Heer ein und machte den Feldzug gegen Russland mit, Dorothee Sawosch aus Ostpreußen diente jahrelang beim westpreußischen Infanterieregiment und nach dem Krieg sogar als Stallknecht. Im Lützowschen Freikorps kämpfte Anna Unger unter dem Namen August Ungar und sehr bekannt wurde die "Heldenjungfrau" Eleonora Prochaska, die als "August Renz" im Freikorps gedient und im Oktober 1813 in der Schlacht an der Göhrde im Wendland schwer verwundet wurde und starb.6

Was es genau war, das Anna bewog, sich den Lützowern anzuschließen ist nicht nachzuweisen - ob sie von dem Einquartierten von anderen kämpfenden Frauen gehört hatte und sich diese zum Vorbild nahm? "In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar schlich sie dann in Kleidern ihres Bruders Hermann übers Eis der Weser aus der Stadt."7

Aus der 17-jährigen Anna wurde in Münster "Eduard Kruse und Sohn eines Konsistoralrates in der 5. Kompanie (Leitung: Leutnannt Reil) im Bataillon der Fußgänger unter dem Kommando des Professsors Jahn ) 'Turnvater')angenommen. "So focht sie, entschlossen und unerschrocken, als schmucker Jäger beliebt, überall mit vor Jülich und in den kleinen Gefechten, welche die Lützower nur zu bestehen hatten, bis zum Frieden, marschirte dann auch zurück mit nach Berlin."8

Als Teil der 5. Kompanie des 3. Bataillons erhielt sie während der Belagerung der Stadt ihre Grundausbildung an der Waffe und hatte auch ihre ersten Kampferfahrungen. Erst auf dem Eilmarsch nach Paris wurde durch einen Brief ihres Vaters an ihren Vorgesetzten Capitan Helfenstreit informiert, dass "Eduard" eigentlich "Anna" ist. Da sie als Soldat einen guten Eindruck gemacht hatte, wurde ihr erlaubt, auch weiterhin bei der Truppe zu bleiben, ohne dass ihre Kameraden davon erfuhren. Nur ihr Kompanieführer wurde angewiesen, ausschließlich die "ehrbarsten" Gefreiten mit "Jäger Kruse" ins Zelt zu legen. Oder besser noch, allein. So "behütet" konnte sie an dem Marsch auf Paris teilnehmen und war im Sommer 1814 auch bei der großen Parade in Berlin dabei. Sie erhielt eine Einladung des Fürsten Radziwill und von gerade zur Ersten Dame Preußens avancierten Prinzessin Marianne, die ihr sogar eine wertvolle Tasse schenkte. Bei der Schwester der Fürstin Arnaud fand sie zunächst Unterkunft.

Die Tasse (Nachbildung des Originals) ist im Focke Museum zu sehen

Erst im Februar 1814 konnte sie die durch Freunde vorbereitete Heimreise antreten. In der Uniform der Lützower Jäger zog Anna Lühring im Februar 1815 - von den Bremern begeistert begrüßt - in ihre Heimatstadt ein, wo sie vom Rat empfangen wurde. Ihre Prominenz hielt nicht allzu lange an. 1820 zog sie nach Hamburg und war dort im Geschäft der Madame Adrianson "für weibliche Industrieartikel" tätig. Sie heiratete 1821 den Kellner Peter Lucks. Als ihr Mann 1832 starb, verarmte sie schnell. Da ihr ein Ehrensold durch den Bremer Senat - trotz der Unterstützung ehemaliger Vorgesetzter nicht zugestanden worden war - musste sie sich mit Näharbeiten und gelegentlicher finanzieller Unterstützung durch einen hanseatischen Wohltätigkeitsverein ihren Lebensunterhalt bestreiten. Erst 1860, über 45 Jahre nachdem sie sich dem Freikorps angeschlossen hatte, wurde ihr durch Druck des ehemaligen Freikorpslers Johannes Rössing - Gründer des Demokratischen Vereins - eine Jahresrente von 150 Goldgulden zugestanden."8 "Daß man sich der Vaterlandsverteidigerin überhaupt erinnerte, hatte wohl mit den deutschen Vereinigungsbestrebungen zu tun. Ein neuer Patriotismus erwachte und wurde getragen von der historischen Erinnerung an den gemeinsamen deutschen Kampf gegen Napoleon. Die Heldenjungfrau als Symbol jenes Freiheitskampfes gewann neue Aktualität. Doch Anna Lühring verweigerte sich allen weiteren Ehrungen."8

Anna Lühring starb am 25.8.1866 und wurde auf dem Alten Hammer Friedhof in Hamburg-Hamm beigesetzt. Ihren Grabstein schmücken die Worte: "Hier ruht Anna Lühring, verehelichte Lucks, geb. 3.8.1796 in Bremen, gest. M.8.1866 ln Hamburg. Sie trat am M.2.1814 unter dem Namen "Eduard Kruse" bei der 5. Komp. des 3. Bataillons des Lutzowschen Freikorps ein, nahm an der Belagerung von Jülich und am Feldauge 1814 in Frankreich teil. Sie erwarb sich die Achtung ihrer Vorgesetzten sowie Kameraden und wurde mit der Kriegsgedenkmünze dekoriert." Der Grabstein wurde unlängst renoviert

Im Focke- Museum sind in einer Vitrine Waffen aus ihrer Dienstzeit bei den Lützowern, aber auch Fotografien und die Tasse, die ihr von Prinzessin Marianne geschenkt wurde, zu sehen. Das Archiv des Museums besitzt eine Abschrift der Aufstellung ihrer Besitztümer zur Zeit ihres Todes. Außerdem besitzt das Museum ein Ölgemälde von ihr. Ihr Nachlass ist im Staatsarchiv Hamburg aufbewahrt.

In der östlichen Vorstadt ist eine Straße nach ihr benannt.

Anmerkungen

1. Knierim, Truxi, Annas Befreiungskrieg, Bremen 1996, S. 1872
2.H.A. Schumacher, Umbau des Schüttings, Bremisches Jahrbuch, Bd.5, Bremen 1870, S.193-281
3.Friedrich Karl von Tettenborn, zunächst Rittmeister in der österreichischen Armee, dann Oberstleutnant in der russischen Armee, siehe: Venturini, Carl: Rußlands und Deutschlands Befreiungskriege von der Franzosen-Herrschaft unter Napoleon Buonaparte in den Jahren 1812 - 1815, München 1816, S. 129
4.von Arndt, Fanny: Die deutschen Frauen in den Befreiungskriegen, 1867, S.85
5.Miesegaes,Carsten: Die Chronik der freyen Hansestadt Bremen, Dritter Theil, Bremen 1833, S.402
6.von Arndt, Fanny, die deutschen Frauen...a.a.O. S.173-275.
7.Krause, Karl Ernst Hermann: Lühring, Anna,in: Allgemeine Deutsche Biographie(ADB), Band 19, Duncker&Humblot,Leipzig 1884,S.622f
8.Cyrus, Hannelore; Bremer Frauen von A - Z, Bremen 1993,S.347

Quellen und Literatur:


Schwarzwälder Herbert: Das Große Bremen-Lexikon, S.88
Bosse, Heinrich: Das Bremer Mädchen, in: Beyer,J.: Bilder aus der Geschichte Bremens, Bremen 1903
Schumacher, H.A.: Zur Erinnerung an den Lützower Jäger Anna Lühring, in: Bremisches Jahrbuch, Bd. 5, Bremen 1870; S.158 - 174
S. Schwarzwälder, Herbert:Anna Lühring, in: Berühmte Bremer, München 1972
Krause, Karl Ernst Hermann, Anna Lühring,in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 622-623
Arndt Fanny Die deutschen Frauen in den Befreiungskriegen, Verlag d. Buchhandlg. d. Waisenhauses, 1867
Schumacher, H.A.: Zur Erinnerung an den Lützower Jäger Anna Lühring, in: Bremisches Jahrbuch, Bd.5, Bremen 1870, S.

Schwarzwälder, Herbert: Anna Lühring, in: Berühmte Bremer, München 1972
Knierim, Truxi, Annas Befreiungskrieg, Bremen 1996

Autorin: Edith Laudowicz

Die Anna-Lühring-Straße und der Anna-Lühring-Weg in Bremen, Stadtteil Östliche Vorstadt, wurden 1938 nach ihr benannt.