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Stiegler, Anna Sophie Marie Auguste, geb. Behrend,gesch.Vogt,
21.4.1881 Penzlin/Güstrow - 23.6.1963 Bremen
 

"Am 21. 4.1881 gebar Friederike Wilhelmine Elise Behrend, geb. Stoldt, eine Tochter, die auf den Namen Anna Sophie Marie Auguste getauft wurde. Der Vater des Mädchens, welches in Penzlin, Kreis Güstrow, die Bevölkerung vermehrte, war ein Landarbeiter mit Namen Johann Heinrich Wilhelm Behrend.

Sein kleines Einkommen reichte kaum aus, um die fünfköpfige Familie - die Behrends hatten neben Anna noch zwei weitere Kinder --zu versorgen. Deshalb musste Annas Mutter, eine tüchtige Hausfrau, mit hinzuverdienen. Sie tat das durch Hilfeleistungen bei festlichen Veranstaltungen der Honoratioren Penzlins. Anna erzählte später, ihre Mutter sei eine sehr begehrte Hilfskraft gewesen.
Anna Behrend half im ärmlichen Haushalt der Eltern mit - was damals für Arbeiterkinder eine Selbstverständlichkeit war - und besuchte die Bürgerschule in Penzlin. Als sie diese nach Beendigung der Abschlussklasse im Alter von 14 Jahren verließ, hatte das Lernen für die junge Anna allerdings noch kein Ende: ab 1895 drückte sie die Schulbank der Haushaltsschule in Schwerin. In dieser Zeit bildete sich in der wissbegierigen Schülerin der Wunsch aus, Lehrerin zu werden. Dieser Jugendtraum scheiterte jedoch an dem engen Horizont und der Mittellosigkeit ihrer Eltern. Sie erklärten ihr, sie müsse ihren Lebensunterhalt mit den Händen statt mit dem Kopf von unten auf verdienen. Anna fügte sich und ging ab 1897 als "Kinderfräulein" in Schwerin und Hamburg in Stellung. Daß es Menschen gab, die sich gegen soziale Ungerechtigkeit wehrten, er fuhr ich erst, als ich nach einigen Jahren der Beschäftigung in Haushalten und als Kinderfräulein durch Heirat nach Blumenthal kamen." In Hamburg lernte sie den Schneider Konrad Vogt (13.9.1875 - 18. 6. 1966) kennen, 1902 kam ihre Tochter Anna Marie Sophie Wilhelmine zur Welt, 1903 heiratete das Paar und zog in Vogts Heimatort Blumenthal. Politik "Hier gab es schon eine sehr lebendige Arbeiterbewegung, In das Haus, in dem wir wohnten, kam schon die sozialdemokratische "Bremer Bürgerzeitung", die mir sehr viel interessanter erschien als das kleine Provinzblättchen im Ort. Artikel von Heinrich Schulz: ‚Die Volksschule, wie sie ist und wie sie sein soll", fanden meine volle Zustimmung, denn sie sprachen das aus, was ich schon immer dumpf gefühlt hatte."

Erstes politisches Engagement

"Und dann kam das große entscheidende Ereignis für mich: der SPD-Parteitag 1904 in Bremen."
Sie verfolgte den Verlauf der Veranstaltungen in Bremen mit großem Interesse:Wenn ich auch nicht dabei sein konnte - das hätte ich gar nicht wagt -, so konnte ich doch alles nachlesen in der Bremer Zeitung. -und auch unser kleines Blättchen am Ort konnte an diesem Ereignis nicht stillschweigend vorbeiziehen. Da las ich denn die Auschnitte aus den Reden der Großen von damals: sie waren von August Bebel, Singer, und zum erstenmal begegnete mir auch der Name Fritz Ebert. Was sie sagten, sei es ihre Kritik an der bestehenden Gesellschaft seien es ihre sozialdemokratischen Forderungen und Vorschläge: es erschien mir alles wie eine Offenbarung, als habe ich bis dahin in einem Dämmerzustand gelebt.
Die wißbegierige Frau ging in der Folgezeit daran, sich mit der Theorie der Sozialdemokratie und natürlich auch mit deren politischer Praxis auseinanderzusetzen. Einen ersten Anstoß hatte sie dafür aber schon vor dem Parteitag bekommen: war ihr Ehemann Konrad doch ein Anhänger der Sozialdemokraten und nicht zuletzt Bezieher der "Bremer Bürgerzeitung", die 1903 eine Auflage von 8299 Exemplaren erreicht hatte...
Anfang 1905 meldete ich mich als Mitglied der SPD an. Inzwischen hatte ich erfahren, daß es auch in Blumenthal schon eine Gruppe von Frauen gab, die sich für die Partei interessierte. So zogen wir denn gemeinsam nach Vegesack, wenn dort ein Frauenabend stattfand. Wir waren auch sonst nicht müßig. Über Bremen bekamen wir auch die "Gleichheit", redigiert von Klara Zetkin. So haben wir im kleinen Kreis gearbeitet und nicht ohne Erfolg, bis 1908 das Reichsvereinsgesetz kam, das den Frauen in allen Ländern das politische Organisationsrecht gab....
Nun hatten wir freie Bahn, und wir nützten sie redlich: in Johanna Reitze, der Hamburgerin, die mit ihrem Mann gerade von der Parteischule in Berlin kam und in Vegesack wohnte, fanden wir eine Lehrerin und Führerin, wie wir sie uns nicht besser wünschen konnten. Ich persönlich bin ihr zu tiefstem Dank verpflichtet für ihre Führung durch die sozialistische Literatur und in der Führung einer Frauengruppe."
1905 starb ihre Tochter und auch ihre Ehe scheiterte - sie hatte den 20 Jahre jüngeren Carl Friedrich Stiegler kennengelernt und zog 1912 in sein Elternhaus. Sie wurde Schriftführerin der Frauengruppe.1913 war sie als Hilfskraft des Bildungdausschusses - ein Zusammenschluss von Partei und Gewerkschaftsbüchereien tätig. Während des Ersten Weltkriegs wurde sie als Schaffnerin für die Straßenbahn eingestellt. Am 16. März 1916 heiratete sie Carl Stiegler.

In der Bremischen Nationalversammlung

1919 kandierte sie als Mitglied der USPD für die Bremische Nationalversammlung und wurde gewählt. Ihr Freund Alfred bescheinigte ihr "eine natürliche Redegabe, mit Überzeugungskraft gepaart', zeichne sie aus, und so wurde sie bald die Wortführerin in der Frauenbewegung der Sozialdemokratischen Partei. Keine leichte Arbeit; denn die Älteren unter uns wissen, wie schwierig es war, Frauen, deren Dasein sich meist im Haushalt oder in der Fabrik abwickelte, zur politischen Organisierung zu gewinnen. Wenn der Anteil der Frauen in der Mitgliederschaft der Bremer SPD höher ist als in anderen Städten, so verdankt es die Partei nicht zuletzt unserer Anna Stiegler, die, insbesondere nach der Novemberrevolution 1918, noch mehr in den Vordergrund trat. Denn jetzt waren die Schranken des Vielklassenwahlrechts gefallen, jetzt konnten die Werktätigen und auch die Frauen, denen die Revolution das gleiche Wahlrecht erobert hatte, vollberechtigt tätig sein in den Reihen der kämpfenden Parteien." Ab 1920 saß sie nach der Wahl im Juni, die die Mehrheitsverhältnisse geändert hatte,"auf den Bänken der Opposition. Hier stellte sich die Sozialistin, die noch immer in der Bibliothek arbeitete, schnell auf ihre neu hinzugekommene Rolle als Parlamentarierin ein. ‚Wenn sie in den Debatten der Bürgerschaft, insbesondere zu sozialen und zu Erziehungsproblemen, das Wort nahm, wurde es still auf den Bänken der Abgeordneten. Mit Aufmerksamkeit hörten alle Fraktionen ihrer eindringlichen Argumentation zu und folgten ihr', schilderte Alfred Faust später. In der Tat engagierte sich die Frau, die einmal Lehrerin werden wollte und die nur für eine kurze Zeit Mutter sein konnte, in erster Linie für soziale Probleme. So sprach sie in den ersten Jahren nach dem Krieg im Parlament über die Probleme der Kriegsgefangenen und deren Familien sowie zum Problem der Kinderbewahranstalten. Als Bibliothekarin hatte sie natürlich auch die Nöte ihres Berufsstandes im Auge, wie ihre folgende Rede vom 19. 4.1921 zum Tagesordnungspunkt "Öffnung der Stadtbibliothek am Sonnabendnachmittag" beweist: ‚Herr Präsident! Meine Herren und Damen! Die Bürgerschaft ist bei ihrem Beschluß vom 11. März von dem Grundsatze ausgegangen, daß Institute wie die Stadtbibliothek möglichst allen Interessenten recht häufig und recht bequem zugänglich sein müssen. Der vorliegende Bericht zeigt aber, daß eine weitere Belastung der Angestellten nicht mehr möglich ist. Tatsächlich wird ihre Arbeitskraft schon jetzt restlos ausgenützt. Selbst wenn man voraussetzt, dass der Betrieb in Hamburg, der im Bericht vergleichsweise herangezogen wird, vielleicht sehr viel komplizierter und sehr viel größer ist, so ist immerhin zwischen dem Personal in Hamburg und hier in Bremen bei fast gleichen Ausgabeziffern ein sehr großer Unterschied, der auch bei den Laien die Vermutung aufkommen lässt, dass unsere Beamten in der Stadtbibliothek schon sehr angespannt werden. Aus diesem Grunde allein kann meine Fraktion den an sich für richtig erkannten Grundsatz nicht aufgeben. Um so weniger, als sie weiß, dass die Möglichkeit besteht, mit geringen Mehrkosten, ca. 6000 Mark, dem Beschluss der Bürgerschaft zur Beschluß der Bürgerschaft zur zur Durchführung zu verhelfen.' Ihr Antrag wurde angenommen.
" Zu ihren weiteren Arbeitsfeldern gehörte die Beseitigung der Wohnungsnot, sie setzte sich für eine angemessene Unterbringung von Obdachlosen, widersetze sich der Kasernieru

ng von Prostituierten und wies in einem Redebeitrag daraufhin 'Ich habe den Eindruck, dass gerade diejenigen, die sich über die Prostitution empörten, zu denen zu rechnen waren, die sich ihr Vergnügen bei den bezahlten Mädchen holten - um dann den 'gefallenen Mädchen' mit der Polizei zu kommen.'

Engagement für Frauenfragen

Allerdings war Anna Stiegler "bei den Genossinnen aufgrund ihrer politischen Ellenbogenstärke von vielen abgelehnt. Die Frauen empfanden sie als egoistisch und herrisch. "Es wurde auch kritisiert, dass Anna ihre Weiblichkeit zu sehr herauskehrte. Frauen wie Helene Kaisen, die unauffälliger in der Partei wirkten, wurden von den Genossinnen mehr geschätzt. (Eine Portion Eifersucht wird man den Kritikerinnen sicher nicht absprechen können.) Neben ihrem Ehemann Carl hatte Anna in Grete Pakleppa eine für sie wichtige persönliche Vertraute. Grete war mit dem Rangieraufseher Friedrich Pakleppa verheiratet und wie Carl Stiegler in der SPD engagiert. Sie war wesentlich jünger als Anna Stiegler und wurde von dieser wie eine Tochter behandelt.' Von Grete war in Parteikreisen bekannt, dass sie für Anna einfach alles tat."
Die wachsende Arbeitslosigkeit in der Weimarer Zeit führte dazu, dass sie sich auch diesem Thema widmete: "In unzähligen Reden ging Anna Stiegler in der Bürgerschaft immer wieder auf die Probleme der Arbeitslosen ein, forderte Beihilfen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Mit den Genossinnen aus der Frauengruppe, mit Hermine Berthold, Helene Kaisen, Clara Jungmittag und anderen organisierte Anna Stiegler in ihrer Freizeit Ausflüge für die Arbeiterfamilien, die sich in den angeblich 'goldenen' Jahren der Weimarer Republik keinen Urlaub leisten konnten. Diese Ausflüge wurden natürlich mit dazu benutzt, die Politik der SPD zu erläutern und Mitglieder zu werben - was sich in der Parteistatistik auch niederschlug. So stieg die Zahl der weiblichen Mitglieder der SPD von l439 Frauen im Jahre 1924 auf 2517 Frauen im Jahre 1931!"

Nazis an der Macht

Die wirtschaftliche Situation spitzte sich auch in Bremen immer weiter zu: "Am schlimmsten war 1931 für Bremen der Zusammenbruch des größten europäischen Wollekonzerns, der Nord-Wolle. 1932 gab es in Bremen schließlich 40 000 Arbeitslose. Damit war mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung ohne Arbeit
"Am 1.4.1932 wurde Anna Stiegler im Fürsorgeamt als Helferin eingestellt, um bei der Versorgung der Fürsorgeempfänger mitzuwirken. In der Bürgerschaft musste sie im gleichen Jahr als dienstältestes Mitglied des Vorstandes einen Nationalsozialisten zum Präsidenten wählen lassen, was sie später als "dunkelste Stunde" ihrer Parlamentstätigkeit wertete. Am 30.Januar 1933 wurde Hitler - dessen Rücken zunehmend von den Großindustriellen gestärkt wurde - zum Reichskanzler ernannt. Damit war dem Terror in Deutschland Tür und Tor geöffnet. Am Vorabend zur Reichstagswahl am 5. März 1933 fand in Bremen eine Demonstration gegen die Nazis statt, an der sich 30 000 Bremerinnen und Bremer beteiligten. Bei der Wahl stimmten aber immerhin 78.124 Bürger der - nicht länger - Freien Hansestadt für Hitler. Obwohl die SPD, die 72 707 Stimmen erhielt und die KPD, die 31 553 Stimmen bekam, zusammen mehr Stimmen hatten als die Nationalsozialisten, war an eine Auflehnung gegen diese nicht mehr zu denken. Am 10. März löste sich die Bürgerschaft gegen die Stimmen der KPD auf. In den darauffolgenden Monaten wurden in Bremen alle Organisationen der Arbeiter verboten. Zuerst traf es die KPD, dann den Reichsbanner, die freien Gewerkschaften und endlich am 24. Juni die SPD. Anna Stiegler berichtet: £s begann damit, daß alle Partei- und Gewerkschaftsorganisationen mit allen dazugehörigen Einrichtungen von den Nazis übernommen und viele Genossen und Mitglieder des Reichsbanners' verhaftet wurden, deren Familien ohne Schutz und Einkommen waren. Verschiedene Genossinnen fanden sich bereit, unter den In der Bürgerschaft musste sie im gleichen Jahr als dienstältestes Mitglied des Vorstandes einen Nationalsozialisten zum Präsidenten wählen lassen, was sie später als "dunkelste Stunde" ihrer Parlamentstätigkeit wertete. Am 30.Januar 1933 wurde Hitler .. zum Reichskanzler ernannt. …Am Vorabend zur Reichstagswahl am 5.März 1933 fand in Bremen eine Demonstration gegen die Nazis statt, an der sich 30.000 Bremerinnen und Bremer beteiligten. In den darauffolgenden Monaten wurden in Bremen alle Organisationen der Arbeiter verboten. Zuerst traf es die KPD, dann den Reichsbanner, die freien Gewerkschaften und endlich am 24.Juni die SPD. Anna Stiegler berichtet: Es begann damit, dass alle Parteien und Gewerkschaftsorganisationen mit allen dazugehörigen Einrichtungen von den Nazis übernommen wurden und viele Genosssen und Mitglieder des Reichsbanners verhaftet wurden, deren Familien ohne Schutz und Einkommen waren. Verschiedene Genossen fanden sích bereit, zur Unterstützung dieser Familien zu sammeln und dabei auch Material, das uns illegal zuging, herumzugeben.

politische Verfolgung

Das ging gut bis November 1934, dann wurde eine Anzahl unserer Genossinnen verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Einige wurden nach ausgedehnten und hässlichen Vernehmungen wieder entlassen. Gegen eine Anzahl Genossen und fünf Genossinnen wurde Anklage wegen Vorbereitung zum Hochverrat erhoben, darunter auch mein Mann und ich. Nach genau einem Jahr stieg dann der Prozeß unter Beteiligung einer starken Zuhörerschaft. Acht Tage stand die erste Gruppe von neun Personen, darunter fünf Genossinnen, unter dem haßvollen Kreuzfeuer des Präsidenten und des Staatsanwalts.
In der "Anklageschrift Nr.l in der Sache gegen Osterloh und Genossen" vom 25. August 1935 kann man nachlesen, welche Rolle Anna Stiegler und die anderen betroffenen Sozialdemokraten in Bremen nach dem Parteiverbot spielten. Da heißt es unter Punkt ^III mit der Überschrift "Die hochverräterische Betätigung der Beschuldigten: In Bremen verdichtete sich Ende 1933 / Anfang 1934 der Verdacht, daß sich ehemalige Anhänger der SPD im staatsfeindlichen Sinne betätigten, und zwar dadurch, daß sie eine Organisation wieder aufzubauen versuchten. Zu diesem Zwecke sind Versammlungen abgehalten worden. Soweit sie von den beteiligten Frauen abgehalten wurden, wurden sie als Geburtstagsfeiern, Freimarktsfeiern und Ausflüge getarnt . . . Die umfangreichen Ermittlungen der Bremer Staatspolizei führten zur Aufdeckung einer seit längerer Zeit arbeitenden Organisation zur Fortführung der SPD in Bremen mit dem Ziele der Bekämpfung der nationalen Regierung durch organisatorische Zusammenfassung ehemaliger Genossen, Beitragssammlungen und Verbreitung einer Anzahl revolutionärer Schriften . . . Mit der vorliegenden Anklage werden 14 Beschuldigte zur Verantwortung gezogen, die hervorragend an dem Aufbau der illegalen Organisation der SPD in Bremen beteiligt gewesen sind. Die Geldsammlung in Bremen wurde zunächst aufgezogen als Sammlung zur Unterstützung von inhaftierten Genossen und deren Familien. Es wurden Wertmarken im Werte von 25 und 10 Pfg. ausgegeben. Des weiteren wurden Flugschriften hochverräterischen Inhalts verteilt und es wurde - teilweise mit Erfolg - versucht, für das Lesen dieser Flugschriften Geldbeträge einzuziehen. Unterstützt wurden diese Versuche durch einen Nachsatz, wie er sich am Ende des sog. ,Diplomatenbriefes' findet und der lautet:, Genosse und Genossin! Wenn auch Du für den revolutionären Kampf gegen das Hitler-Regime eintrittst, so bedenke, dass jeder Kampf Geld kostet. Opfere auch Du einen Betrag und gebe diesen dem Überbringer dieser Zeilen mit.' Als der Bremer Senat die Bürgerschaft im Jahre 1933 aufgelöst hatte, ist in der Fraktionssitzung der SPD darüber verhandelt worden, wie gegebenenfalls in Zukunft die SPD illegal weitergeführt werden könnte. Dabei wurden außer anderen die in der vorliegenden Anklage genannten Ernemann, Frau Stiegler und Frau Berthold auserwählt. Man arbeitete zunächst noch mit dem Reichsbanner zusammen, trennte sich von diesem jedoch im Herbst 1933. Von diesem Zeitpunkt ab können Osterloh, Ernemann, Frau Stiegler und Hackmack als der illegale Parteivorstand gelten. Osterloh hatte offenbar die Gesamtleitung in der Hand . . . Die Beschuldigte Frau Stiegler war nächst Osterloh das tätigste Mitglied des illegalen Partei Vorstandes. Die von ihr ausgehenden Fäden laufen zu fast allen Beschuldigten. Zum Austragen der Flugschriften und Sammeln des gestifteten Geldes hat sie sich teilweise ihres Ehemannes bedient, wie in einer späteren Anklage des näheren ausgeführt wird." Über den Ausgang des Hochverratsprozesses berichtet Anna Stiegler, die damals schon 53 Jahre alt war:

Im Zuchthaus in Lübeck
"Resultat: acht Jahre Zuchthaus für einen Genossen, fünf Jahre für mich, vier Jahre für zwei Genossinnen, drei Jahre für eine, und eine wurde freigesprochen. Zwei Jahre Gefängnis für meinen Mann. Ein Jahr Untersuchungshaft wurde allen angerechnet. Nächste Station: Frauengefängnis Lübeck. Hier herrschten noch einigermaßen normale Zustände. Die Vorsteherin und Aufseherinnen mit einigen Ausnahmen waren noch vom alten Stamm und taten für uns, was sie konnten. Ich habe die ganzen Jahre geschneidert, allerdings immer in der Zelle, während andere Genossinnen auch außerhalb der Anstalt in der Landwirtschaft beschäftigt wurden. Die Fürsorgerin, die auch die Bücherei verwaltete, brachte mir die neuesten Bücher. Sonntags konnten wir nach Herzenslust lesen, Schachspielen u.a. Dinge. So wäre das Leben einigermaßen erträglich gewesen, wenn ich nicht immer wieder von der Bremer Gestapo mit endlosen Verhören über Freunde, die wohl inzwischen verhaftet waren, gequält worden wäre. Als sie nichts von mir erfahren konnte, drohte man mir:' Wir bringen Sie noch ins Irrenhaus!


KZ Ravensbrück

Die Vorsteherin ließ mich kommen und fragte: "Was wirft man Ihnen eigentlich vor? Die Gestapo will ein absolut schlechtes Führungszeugnis über Sie haben, was ich ihr beim besten Willen nicht geben kann."
Inzwischen war die Haft meines Mannes abgelaufen. Man hatte ihn trotz seiner geringen Strafe nicht entlassen, sondern ins KZ gebracht." Im Februar 1940 wurde ich an einem klirrendnkaltenTag ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Der Empfang in Ravensbrück war furchtbar. Der Frauentransport wurde von Aufseherinnen, begleitet von Bluthunden, abgeholt. Ausgehungert vom langen Transport und zitternd vor Kälte konnten manche nicht so marschieren, wie es gewünscht wurde, sie wurden in den Schnee gestoßen und von den Hunden bedroht. Dann standen wir noch viele Stunden erstarrt vor Frost im Freien, bis die Aufnahmevorschriften erfüllt waren und wir endlich in unseren Block eingewiesen wurden, wo wir schon viele, viele Leidensgenossinnen vorfanden.
Ich habe im Laufe der fünf Jahre in Ravensbrück Schlimmeres erlebt als an diesem ersten Tag. Wir haben nicht selten Tage und Nächte mit bloßen Füßen auf gefrorenem Boden auf der Lagerstraße in Reih und Glied gestanden, wenn ein verzweifelter Häftling es gewagt hatte, einen Fluchtversuch zu unternehmen und wir stehen mußten, bis er wieder eingefangen war. Nach einer solchen Erschießung (von Polinnen)schrieb Anna Stiegler am 25. September 1944: Das KZ Ravensbrück war ein ausgesprochenes Frauenlager. Es unterschied sich von anderen Lagern schon dadurch, daß auch schwangere Frauen oder Mütter mit Kindern hineingebracht wurden. Allein zwischen 1943 und 1945 kamen in Ravensbrück ca. 870 Kinder ums Leben. Nahezu alle Säuglinge starben. In keinem KZ auf deutschem Boden war der Anteil der gemordeten Häftlinge so hoch wie in dem KZ, in das auch Anna Stiegler eingeliefert worden war. Etwa 32 000 Frauen wurden in Gaskammern getötet, während 600 Frauen durch Genickschuss im Gang hinter den SS-Garagen umkamen. Nach einer solchen Erschießung (von Polinnen) schrieb Anna Stiegler am 25. September 1944: "Ein schöner Herbsttag geht zu Ende. Im KZ ist Feierabend Schweigend und unbeweglich steht der schmale Waldgürtel, der das Lager umschließt
Still und unbeweglich stehen 8 000 Frauen zum abendlichen Appell. 8 000 Frauen! Vom Kind bis zur Greisin! Alles scheint so still und friedlich. Und doch steht in den Gesichtern eine bange Frage, ein Wissen um etwas, ein Warten auf etwas, ein Warten auf Krach! . . . Ein kurzer Knall! Schüsse zerreißen die Stille, reißen an den Herzen und Nerven von 8000 Frauen. Wieder tiefe Stille, kein Laut! Die Gesichter sind noch um einen Ton bleicher geworden, die Köpfe senken sich, in manchen Augen stehen Tränen. - Sie wissen: Jenseits der Mauer hauchen Kameradinnen ihr blühendes Leben aus: Junge, blutjunge! Am Morgen noch gingen sie lachend und abschiedwinkend durch unsere Reihen in die Todeszelle."
Noch an der Schwelle des Lebens stehend, mit heißem Herzen und offenen Sinnen wollten sie arbeiten an sich und dem Aufstieg ihres Volkes! Kaum zu fassen, daß still der beredte Mund, daß die lachenden Augen die Sonne nicht mehr sehen sollten. Ausgelöscht vielversprechendes Leben! Und reife Frauen, denen das Leben schon einen Teil Erfüllung schenkte durch die glückliche Mutterschaft oder geistiges Schaffen oder beides in schönster Harmonie . auch die Vernichtung hoher geistiger, künstlerischer und menschlicher Werte. .Diese Gedanken gehen durch unsere Hirne, das Herz krampft sich zusammen und kann nicht einmal seine Empörung hinausschreien in die Welt. Wir können nur stehen, stehen und die Stille zu einer inneren Abschiedsfeier benutzen, zu einem Appell Eurem großmütigen Leben und Sterben! 8 000 Frauen! Wem wurde jemals diese Ehre? Der Abend sinkt herab, die Dämmerstunde hüllt alles in ihren friedlichen Schleier, welcher auch das Verbrechen zudeckt, das aus blindem Haß geboren wurde. In den Herzen von 8 000 Frauen aber brennt der verhaltene Schrei: Wie lange noch? Und wer kommt morgen dran? Am 27. und 28. April 1945 begannen die Nazis, das KZ Ravensbrück zu evakuieren - wie sie es nannten. Das Lager, in dem zeitweilig bis zu 45 000 Gefangene festgehalten wurden, konnte am 30. April von einer russischen Einheit befreit werden. 3000 kranke Frauen und Kinder fanden die Befreier noch vor. Anna Stiegler hatte das Lager schon vorher mit verlassen müssen. Sie fand, nach Tagen der Wanderung in Richtung Heimat, bei einer mecklenburgischen Bauernfamilie eine Unterkunft, in der sie sich erst einmal von ihrer Erschöpfung erholen konnte."

Befreiung

Später sagte sie über diese schreckliche Zeit: Manche werden fragen: "Kann ein Mensch überhaupt so etwas jahrelang ertragen ?" Nein, nicht alle, längst nicht alle! Vor allem nicht jene, die nicht politisch, sondern wegen anderer Bagatellsachen eben im Lager waren. Bei ihnen ließ die Spannkraft nach, sie ließen sich gehen und fanden oft ein klägliches Ende. Anders bei den ausgesprochenen "politischen Häftlingen". Wir wussten, dass wir für eine Idee litten, die den freien Menschen zum Ziele hat in einer freien Welt! Dieses Bewusstsein erfüllte uns in der Gefangenschaft vielleicht noch stärker als sonst. Niemand und nichts konnte uns die Überzeugung nehmen, dass unsere gute Sache doch siegen; müsse. Sie gab uns die Kraft, nicht nur selbst auszuharren und uns schon auf den großen Tag vorzubereiten, sondern auch denen zu helfen, die verzagen wollten, weil sie diese inneren Werte nicht besaßen.
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Gründung des Bremer Frauenausschuss (BFA)

Eine der ersten Aktivitäten von Anna Stiegler war 1946 die Gründung des "Bremer Frauenausschusses", die sie zusammen mit Anna Klara Fischer, Agnes Heineken, Dr. Elisabeth Lürssen und Käthe Popall vollzog. Dieser zunächst kleine Kreis von Frauen wurde zu einer einmaligen Einrichtung in der Bundesrepublik. Es war eine überparteiliche und interkonfessionelle Vereinigung, die sich zunächst die Lösung von Sozial- und Wohnungsproblemen zum Ziel setzte. Das erste Domizil lag damals unter den Rathaustreppen in einem winzigen Raum. Anna Stiegler, die auch sofort wieder die Leitung der SPD-Frauengruppe in ihre Hände nahm, konnte natürlich in der ersten von der Militärregierung ernannten - Bürgerschaft nicht fehlen. Dort sprach sie am 16. Januar 1947 über die Ernährungsprobleme der Bremer Bevölkerung in der Trümmerstadt."
Von 1946 bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1963 gehörte sie als SPD-Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft an. 1947 wurde sie zur Vizepräsidentin der Bürgerschaft gewählt." Sie übernahm auch die Leitung der SPD Frauengruppe, die sich um die die Organisierung von Veranstaltungen zum Internationalen Frauentags kümmerte. Anna Stiegler lud für den 14. März zu einer Kundgebung in die Aula der Hermann-Böse schule ein.
Sie war Sprecherin der Deputation für das Wohlfahrtswesen. Sie trat für die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruch nach § 218 StGB ein, für den freien Zugang zu Mitteln für die Schwangerschaftsverhütung sowie für moderne Methoden in der Betreuung gefährdeter Mädchen. Sie setzte sich vor allem für die Rechte von Frauen ein, unter ihre Leitung fanden Sie war eine mutige Frau aber nicht frei von menschlichen Schwächen; jüngere Sozialdemokraten, die nicht unbedingt ihre Linie vertraten, hatten es schwer, neben ihr Mandate zu erlangen.


"Am 23. 6.1963 starb Anna Stiegler im Alter von 82 Jahren. Annemarie Mevissen, deren Sprecherin Anna in den letzten Lebensjahren war, rühmte die zähe Politikerin mit den Worten: "Wir sind stolz auf diese Frau; wir sind stolz, daß wir sagen dürfen: Sie ist eine der Unsrigen, sie ist eine große Sozialistin, weil sie ein großer Mensch ist. Kurz nach ihrem Tod ehrte Bremen Anna Stiegler mit einem Staatsakt.Es war das erstemal in der Bremer Geschichte, daß eine schlichte Frau, die keine Titel und äußere Ehren trug, auf diese Weise gewürdigt wurde. Unter den 500 Trauergästen waren auch einige Frauen aus Österreich. Es waren ehemalige KZ-Mithäftlinge, die ihr viel verdanken mussten - nannten sie Anna Stiegler doch den "Engel von Ravensbrück".

Hier finden Sie eine Gedenkrede Anna Stieglers "Sie haben den Tod überwunden, denn sie leben in uns! die sie am 20. Juli 1954 zur Eröffnung des Parteitages der SPD gehalten hat, Ihr Grab befindet sich auf dem Waller Friedhof.

Hier können sie Anna Stiegler selbst hören.


Autor: Johann Günther König: zu wesentlichen Teilen aus dem Buch "Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981, S.277 - 321, übernommen,diese sind durch Anführungszeichen gekennzeichnet

Literatur und Quellen:
König, Johann-Günter: Die streitbaren Bremerinnen, Bremen 1981;

In Obervieland ist eine Straße nach ihr benannt, in Bemen St.Magnus das Stiftungddorf Blumenkampg Anna-Stiegler-Haus, MS-Station in Bremen - Kattenturm wurde eine Straße nach ihr benannt.
Ein Wandbild im Schulzentrum Carl-Goerdeler-Straße im Stadtteil Bremen - Vahr erinnert an sie.
Eine Kindertagesstätte in Bremen - Walle wurde nach ihr benannt.
Das Anna-Stiegler-Haus der Bremer Heimstiftung in Bremen - St. Magnus trägt ihren Namen.