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8.6.1882 Hamburg - ermordet 10.11.1938 in Bremen

Selma Zwienicki, geb. Stiefel, war das jüngste von sechs Kindern des Schumachers Koppel Stiefel und Elise Cohen aus Abterode (Kreis Eschwege) und seiner Frau Elise, geb. Cohen. Nach einer Ausbildung zur Kindergärtnerin eignete sie sich kaufmännische Kenntnisse an und arbeitete bis zur Eheschließung in Hamburg als Buchhalterin. 1916 heiratete sie den aus der Ukraine stammenden und seit 1914 in Bremen lebenden Schlosser Joseph Zwienicki. Sie eröffneten in der Hohentorstraße 49/53 in der Neustadt eine Fahrrad- und Motorradhandlung mit Werkstatt. Während Joseph Zwienicki die handwerklichen Arbeiten erledigte, führte Selma die Geschäftsbücher und organisierte den Ein- und Verkauf.

Sie hatten vier Kinder: Gerd (geb.1917), Benno(geb. 1918), Liesel(geb. 1921) und Alfred geb. 1925). Gerd war der einzige, der noch eine qualifizierte Schulbildung erhielt. Nach der Grundschule besuchte er die Oberrealschule an der Dechanatstraße. Ermutigt von einem Lehrer, der ihm half, trotz antijüdischer Hetze durchzuhalten, machte er 1936 das Abitur. Ein Studium an der Torah Akademie Yeshiva in Frankfurt am Main und am jüdischen Lehrerseminar in Würzburg schloss sich an. Mitten in der Vorbereitung auf wichtige Prüfungen wurde er in der Reichspogromnacht für acht Tage in „Schutzhaft“ genommen. Selma Zwienicki war sehr hilfsbereit und bei Kunden und Nachbarn sehr beliebt.


das Geschäft in der Hohentorsstraße


Nur Gerd konnten die Eltern noch eine qualifizierte Schulbildung ermöglichen, die durch ein Religionsstudium ergänzt werden sollte Trotz des anstrengenden Arbeitstages hatten sie ein inniges Familienleben und einen großen Freundeskreis und hielt regen Kontakt zur Familie in Hamburg.


In der Reichspogromnacht befand sich das Ehepaar Zwienicki mit den Söhnen Benno und Alfred im Haus. Als Joseph Zwienicki den Lärm der SA-Leute vor dem Haus hörte, flüchtete er über die Dächer. SA-Männer drangen in das Haus ein und trafen im Schlafzimmer auf Selma Zwienicki. Als sie auf die Frage nach dem Verbleib ihres Mannes keine Auskunft geben konnte, wurde sie erschossen. Benno Zwienicki rannte fort, um einen Arzt zu holen, der aber nicht kam. Alfred wurde in „Schutzhaft“ genommen und ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er sechs Wochen lang inhaftiert war. Gerd Zwienicki kehrte nach Bremen zurück; im Auftrag der Israelitischen Gemeinde bereitete er die Errichtung einer Schule für die jüdischen Kinder vor und verhandelte darüber mit der Gestapo. Nach diesen Ereignissen wanderten die überlebenden Familienmitglieder aus. Das Geschäft wurde zum 6.Dezember 1938 abgemeldet und das Haus zwangsweise verkauft. Sie erhielten nach erheblichen Schwierigkeiten die Genehmigung, mit einem englischen Schiff nach Kanada auszureisen, und mussten ihre Sachen unter Aufsicht eines Gestapo-Beamten packen, der darauf achtete, dass nichts Wertvolles eingepackt wurde. Mit Hilfe von Verwandten ließen sie sich in Montreal nieder. Den Sohn Gerd zog es weiter in die Vereinigten Staaten. Dort nahm er den Namen Jacob G.Wiener an, schloss die Ausbildung als Rabbiner ab und promovierte.
Anmerkung: In der Sterbeurkunde, die die Stadt Bremen am 23. November 1938 ausstellte, heißt es über die Todesursache "tot aufgefunden".


Literatur und Quellen:
Rolf Rübsam: Sie lebten unter uns, Bremen 1988;
Der Senator für Justiz und Verfassung der freien Hansestadt Bremen (Hg.) "Reichskristallnacht"
in Bremen, Bremen 1988
Bildquellen: Familienbild US Holocaust Museum mit Erlaubnis Jacob Wieners
Geschäft: Staatsarchiv Bremen

Autorin:Edith Laudowicz