Biografien| Aktuelles

 
 


Schlesinger-Kornfeld, gesch. Stucke, geb. Kornfeld, Charlotte Henrietta, gen. Lotte
13.10.1896 Berlin - 8.6.1974 Princeton /NJ


Lotte Kornfeld wurde als drittes Kinde der jüdischen Eheleuten Eugen Max Akiva Kornfeld und seiner Frau Elise Dorothea Rosa, geb. Avellis geboren. Ihre Geschwister waren Gerhard und Eva. Die Familie lebte in gutbürgerlichen Verhältnissen, ihre Religion spielte eine untergeordnete Rolle. Nach dem frühen Tod des Vaters besuchte Lotte Kornfeld ab 1911 das Landerziehungsheim von Birkenwerder bis zum Jahr 1914, das einen reformpädagogischen Ansatz vertrat. Hier lernte sie Ruth Seele kennen, mit der sie lebenslang befreundet blieb. In der Schule wurde sie auch mit sozialistischen Ideen konfrontiert und im Sommer 1912 besuchte sie in Bremen das Ehepaar Carl und Rosa Radek. Hier traf sie erstmals den damaligen Redakteur der "Bremer Bürgerzeitung" Johann Knief, der verheiratet war und zwei Kinder hatte.

Im Jahr 1914 verlor Lotte ihren Bruder: Er hatte sich als Freiwilliger gemeldet, wurde verschüttet und in Heimaturlaub geschickt, nahm sich dann aber, als er an die Front zurückbeordert wurde, das Leben. Lotte Kornfeld begab sich aufgrund ihrer angeschlagenen Gesundheit nach Lausanne und bereitete sich dort auf ein externes Abitur vor, das sie 1915 jedoch nicht bestand, was sie auf antisemitische Vorurteile ihres Lehrers zurückführte. Während ihres Aufenthaltes in der Schweiz wurde sie aufgrund ihrer Kontakte zur Familie Radek von der politischen Polizei bespitzelt.

1917 kam sie nach Bremen und wurde unbezahlte Geschäftsführerin der von Johann Knief herausgegebenen "Arbeiterpolitik". Sie lebte bei einer Arbeiterfamilie in Bremen-Gröpelingen. Sie finanzierte ihr Leben aus einem kleinen großväterlichen Erbe. Als Johann Knief 1917 eine Verhaftung aufgrund seiner Kontakte zu den revoltierenden Wilhelmshavener Matrosen und eine erneute militärische Musterung drohte, floh er mit Lotte Kornfeld zunächst nach Berlin, versuchte nach Holland zu seinem Freund Pannekoek zu kommen, was misslang und sie gingen nach München, wo sie unter falschem Namen lebten. Beide wurden jedoch 1918 nach der Niederschlagung der Räterepublik verhaftet. Lotte Kornfeld wurde in das Frauengefängnis Berlin Barnim gebracht. Beide schrieben sich lange Briefe, die ihre Liebe zueinander noch festigten.

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis gingen beide am 18. November nach Bremen und stürzten sich in die revolutionären Aktivitäten, Knief und Lotte schrieben für die neue Zeitung "Kommunist", Knief wurde nach der Proklamierung der Bremer Räterepublik zu einem der drei kommunistischen Volksbeauftragten gewählt. Doch diese Funktion konnte er nicht mehr wahrnehmen, denn er starb aufgrund einer lang unbehandelten Blinddarmentzündung. Über den Tod ihres Geliebten schrieb sie "ich war wund, aufgerissen, überreizt, starr vor Schmerz, fast erstickt an ungeweinten Tränen." Um sich zu erholen beherbergte sie das Ehepaar Vogeler auf dem Barkenhof in Worpswede. 1919 wurde sie Mitglied der dortigen KPD-Gruppe, die fortwährend polizeilich drangsaliert wurde. Hier lernte sie den Bremer Drucker Fritz Stucke kennen, den sie am 7.September 1919 heiratete. Sie lebte noch zwei Jahre mit ihrem Ehemann in Worpswede - unter permanenter polizeilicher Überwachung - zog dann 1921 nach Berlin, wo ihr Sohn Gerhard geboren wurde.

Sie ließ sich noch im selben Jahr von Fritz Stucke scheiden. Das Kind hatte einen Wolfsrachen und wurde operiert, blieb aber entstellt. Sie gab ihn in Pflege zur kinderlosen Familie Behrmann. Lotte ging nach Heidelberg und lernte dort Fritz Werner Schlesinger kennen, den sie im Oktober 1923 heiratete. Die Eheleute gingen nach Berlin zurück, ihr Mann promovierte. Lotte bekam nach einer Totgeburt am 11. Juni 1925 ihren Sohn Thomas, 1935 ihren Sohn Jan Michel. In dieser Zeit distanzierte sie sich mehr und mehr von der Politik der KPD und hatte auch ein kritisches Verhältnis zur Politik Stalins .

Mit Machtantritt der Nazis gehörte die Familie zu den Gefährdeten. 1937 promovierte sie über die jüdische Presse, den Doktortitel erhielt sie jedoch erst 1946, da sie nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze Berlin mit ihren Söhnen verlassen hatte und sich in Rom niederließ. Ihren Besitz mussten sie völlig unter Wert verkaufen. Jedoch 1938 mussten sie Italien wieder verlassen. Ihr Mann bekam eine Anstellung bei der ILO in der Schweiz und auch sein Sohn Thomas konnte dort eine Schule besuchen. Lotte durfte jedoch nicht einreisen und sie lebte mit dem dreijährigen Sohn bei einer Quäker-Familie in England. Es gelang auch, ihren Sohn Gerhard aus Deutschland heraus zu bekommen, musste ihn aber in England lassen als die Familie 1940 ein Visum für die USA erhielt - ihr Besitz war auf zwei Koffer zusammengeschrumpft. Dort nahmen sie jede sich bietende Arbeit an, ihren nun fünfzehnjährigen Sohn gaben sie auf eine Hühnerfarm. Er blieb dort nicht und wurde schließlich Soldat und war von 1945 - 1957 als Mitarbeiter des Geheimdienstes und Soldat in Europa. Zurückgekehrt studierte er Politikwissenschaften, der Bruder Jan wurde Richter und auch ihr Sohn Gerhard kam schließlich 1945 in die USA und wurde von ihrem Mann adoptiert. 1965 starb ihr Mann und sie reiste nach Europa. Sie besuchte auch Worpswede und traf die Töchter Vogelers.

Im Juli 1974 starb sie nach einen Herzanfall in Princeton, wo sie zuletzt gelebt hatte.

Literatur und Quellen: Dieses Porträt wurde auf der Grundlage des Buches "Im Schatten der Revolution" Lotte Kornfeld (1896 - 1974) Biografie einer Vergessenen
von Karin Kuckuk, Bremen 2009, zusammengestellt.
Johann Knief Briefe aus dem Gefängnis - herausgegeben von Lotte Kornfeld
StAB 4,65-1571, Akte Worpswede, in der sich Polizeiberichte über Lotte Kornfeld befinden.
Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek befindet sich ein Brief vom 21.08.[1938],sowie ihre Personenakte [Archiv der American Guild for German Cultural Freedom, New York,D.08.66]

Plöckinger Othmar: Geschichte eines Buches, Adolf Hitlers "Mein Kampf": 1922-1945. Eine Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte,München 2011

Autorin:Edith Laudowicz