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Möbius, Renate

28.5.1902 Bremen - 26.1.2000 Bremen
 

Renate Möbius ist in Berlin geboren. Sie erwarb an der Fachoberschule ein Fachabitur. 1978 schloss sie ein Studium an der Fachhochschule mit einem Diplom als Sozialpädagogin ab. Sie heiratete und bekam zwei Kinder.

Nach dem Studium war sie von 1978 bis 1989 Hausfrau und sorgte für ihre Kinder Alexander und Simone.1979 trat sie in die SPD ein. Sie trennte sich von ihrem ersten Ehemann und heiratete erneut. 1989 war sie beim Deutschen Roten Kreuz als Sozialpädagogin zunächst als Honorarkraft beschäftigt, dann ab 1990 22 Jahre fest angestellt. 1986 wurde sie Vorstandsmitglied des SPD-Ortsvereins Buntentor, von 1990 bis 1999 dessen zweite Vorsitzende. Schon 1988 wurde sie Mitglied des Beirats beim Ortsamt Neustadt und von 1989 bis 1990 dessen Sprecherin.

Eines ihre wichtigsten politischen Anliegen war die Einbeziehung der Bürger in die politischen Entscheidungen. Dieses Anliegen verfocht sie leidenschaftlich auf Stadtteilebene und im Parlament, dabei auch die Erfahrungen anderer Städte einbeziehend und Auseinandersetzungen nicht scheuend. Wichtig war ihr die Verteilung der Finanzen zugunsten einer stärkeren Entscheidungsmöglichkeit der Beiräte bei der Vergabe von Mitteln für stadtteilbezogene Vorhaben. Schon früh forderte sie "Bürgerhaushalte", bei denen die Bevölkerung bei der Verteilung der öffentlichen Mittel auch direkt mitentscheiden können.

Als sie im Forum Abgeordnetenwatch gefragt wurde, wie sie zur Forderung nach Auflösung des Stadtstaates stehe, antwortete sie: "In der Vergangenheit und auch jetzt wird immer wieder in öffentlichen Diskussionen die Selbständigkeit Bremens in Frage gestellt. In meiner Funktion als Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Bürgerbeteiligung und Beiräte stellt sich für mich zunächst die Frage, was haben die Bürgerinnen und Bürger Bremens davon, wenn wir unsere Selbständigkeit aufgeben. Bremen verliert entscheidende Gestaltungsmöglichkeiten, gerade im wirtschaftlichen und auch im gesellschaftspolitischen Bereich.Die Bürgerinnen und Bürger zahlen die Zeche, denn die Sanierung der Landesfinanzen müssten innerhalb des vereinigten Landes(Niedersachsen ist ebenfalls verschuldet) ohne Hilfe von außen stattfinden."

Ihre politischen Ziele nannte sie auf ihrer Internetseite: "Keine Privatisierung der Gewoba, eine menschengerechte A 281, raus aus der Atomenergie, Stärkung der Öffentlichkeitsbeteiligung, gesetzliche Verankerung der Vorerörterung im Vorfeld von Planfestellungsverfahren bei Großvorhaben, Ressortübergreifende Arbeits- und Entscheidungsstrategien für Verwaltung und Politik, die Einführung der Finanztransaktionssteuer, Menschen für verantwortungsvolle Politik begeistern, für jedes Kind ein gerechte Startbedingungen ins Leben durch eine gute Erziehung und Bildung schaffen, gerechte, gesundheitliche Versorgung, ein lebenswertes, soziales, gerechtes und hanseatisches Bremen Frieden in allen Teilen der Welt."

Mit diesen Forderungen hatte sie häufig gegen Widerstände zu kämpfen - auch innerhalb der eigenen Partei. Im Beirat argumentierte sie gegen die neue Autobahn auf Stelzen, die das Güterverkehrszentrum mit der A1 verbinden sollte und forderte die Anbindung des Autobahnzubringers durch einen Tunnel (dies wurde erst Jahre nachdem ein Teil der Straße schon gebaut war nach langen Auseinandersetzungen schließlich beschlossen). Auch der geplante Space-Park überzeugte sie nicht und sie versprach, wenn dieser länger als 5 Jahre ohne öffentliche Förderung existiere, würde sie sich auf dem Marktplatz die Haare schneiden lassen.( Der Space-Park wurde in der ursprünglich geplanten Ausführung nicht realisiert sondern der monströse Bau wurde in Einkaufscenter umgewandelt).

Nach nur einem Jahr als Beiratssprecherin legten sie und der langjährige Sprecher des Beiratsausschusses Stadtentwicklung, Heinz Leinemann, ihre Ämter wegen undemokratischer Vorgehensweisen ihrer Parteigenossen Rosebrock und Siemer nieder.(WK 14.3.1990), blieben aber Mitglieder des Beirats.

Renate Mobius war Vorsitzende es Bildungsausschuss des Beirats und setzte sich für die Schaffung einer Gesamtschule in der Neustadt ein. Dabei verwies sie auch schon früh auf die wachsende Armut und forderte auch deshalb eine möglichst schnelle Realisierung des Vorhabens. 1995 kandidierte sie erstmals auf Platz 34 für die Bürgerschaft, doch das Ergebnis der Wahlen ermöglichte kein Mandat für sie. 1996 wurde sie in den Unterbezirksvorstand Bremen-Stadt gewählt, dem sie bis 2006 angehörte.

Als sie 1999 in die Bürgerschaft gewählt wurde, der sie bis zu ihrem Tod angehörte, betonte sie in einer Rede die Notwendigkeit der stärkeren‚ Einbeziehung der Menschen in die politischen Prozesse: "Es gilt, die Anonymität von Nachbarschaften aufzubrechen, Gemeinschaften zu fördern und passive, desinteressierte Menschen wieder dafür zu gewinnen, sich mit ihrem Stadtteil zu identifizieren und sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Mehr ehrenamtliches Engagement einzufordern, weil aufgrund der finanziellen Lage Spielräume Bremens oder der öffentlichen Hand immer kleiner werden, ist nur eine Lösung, wenn gleichzeitig Mitbestimmungsrechte garantiert werden und tragfähige Verfahren vereinbart werden. Wir brauchen in unserer Stadt eine Kultur der Zusammenarbeit in Politik, Verwaltung und Beiräten sowie Bürgerinnen und Bürger auf Augenhöhe. Dazu braucht es Voraussetzungen wie zum Beispiel neue Formen einer verbindlichen Bürgermitbestimmung auf Stadtteilebene, eine auf Bürgermitbestimmung und Dienstleistung ausgerichtete Verwaltung, deren Personal entsprechend ausgebildet ist.
Eine auf Bürgermitbestimmung und Dienstleistung ausgerichtete Verwaltung brauchen wir, deren Personal auch entsprechend ausgebildet ist, und mutige Politikerinnen und Politiker sowie Beiräte, die die Menschen ernsthaft unterstützen, sich an gesellschaftspolitischen Prozessen zu beteiligen, Bildungsangebote, in denen Mitbestimmung und Wahrnehmung demokratischer Rechte erprobt werden, und Partizipation als Unterrichtsfach.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Bürgerbeteiligung ist keine exotische Blüte, mit der sich Politik und Verwaltung schmücken kann. Bürgerbeteiligung ist auch nicht Sozialromantik. Bürgerbeteiligung ist eine sehr konkrete Aufgabe in einer modernen Stadtgesellschaft," eine Rede die Vieles von dem vorwegnimmt, was von Bürgerinitiativen im ganzen Land wenige Jahre später gefordert wurde.

Sie blieb nicht bei den Appellen, sondern besuchte die Beiratssitzungen in den Stadtteilen um sich selbst von der Aktivität der Bürgerinnen und Bürger aber vor allem auch von der Zuarbeit durch die Ortsamtsleiter zu überzeugen. Als schließlich der Bürgerschaftsausschuss "Bürgerbeteiligung und Beiratsangelegenheiten" 2007 ins Leben gerufen wurde, wurde sie dessen Vorsitzende. Als das Beirätegesetz verändert wurde, trat sie allen Befürchtungen entgegen, dass das Parlament sich mit Lappalien befassen müsse, die dort nicht hingehörten und machte deutlich, dass ihrer Meinung nach viele Probleme der Stadtteile durchaus in die Diskussion der Bürgerschaft gehörten.

Als Parlamentsabgeordnete gehörte sie auch verschiedenen Ausschüssen an: Dem Petitionsausschuss, dem Betriebsauschuss "Umweltbetrieb Bremen", dem Haushalts- und Finanzausschuss und dem Rechnungsprüfungsausschuss. Als Mitglied im Marktausschuss entwickelte sie wie ihre Parteigenossin Anneliese Leinemann ein enges Verhältnis zu den Schaustellern. Sie setzte sich für deren Belange ein, z.B. für die Schulbildung der Kinder der Schausteller und initiierte ein Weiterbilddungsprojekt für die jugendlichen Kinder der Schausteller.

Seit 1997 war sie Vorsitzende des Gesundheitstreffpunkt West (GTW). Dieser setzt sich für die Förderung von Bewegung und gesunder Ernährung, die Stärkung persönlicher und sozialer Kompetenzen und die Verbesserung von Lebensqualität im Stadtteil und im unmittelbaren Wohnumfeld ein. Diese Ziele werden realisiert durch verschiedene Gruppen, die sich mit der Situation von Kindern und Jugendliche im Bremer Westen befassen, insbesondere auch mit der von Mädchen und älteren Menschen. Anliegen sind auch die Sportförderung und die Suchtprävention. So beteiligte sie sich auch an dem von ihrer Parteikollegin Ulrike Hövelmann initiierten Vorleseprojekt für Kinder an den Schulen.

Außerdem war sie Vorsitzende des Vereins "WIR-Neustadt-Bremen e.V.", ein Zusammenschluss von Einzelhandel und Dienstleistung in der Neustadt, der sich für die Belange des Stadtteils einsetzt und über einen Lenkungsausschuss, dem sie angehörte, die Aktivitäten koordiniert.

Ihre politischen Aktivitäten beschränkten sich jedoch nicht nur auf die unmittelbar parteipolitische Arbeit. Sie war Mitglied im Bürgerhaus Kunz in der Neustadt und war seit 2011 Vorsitzende des Polizeisportvereins. Sie befasste sich auch mit neuen Fragen. So äußerte sie sich auf Anfragen zu ihrer Einstellung zu gemeinschaftlichem Wohnen älterer Menschen: "Ich sehe für mich und auch meine Kolleginnen und Kollegen hier ein unbedingtes MUß politisch diese Bewegung maßgeblich zu unterstützen und voran zu treiben. Habe mich bereits, als der Beginenhof in der Neustadt mit dem Konzept der generationsübergreifenden Wohnform für Frauen gebaut wurde, für dieses Projekt stark gemacht."

Als Politikerin verlor sie jedoch persönliche Schicksale nicht aus den Augen: so engagierte sie sich persönlich etwa im Fall eines von Abschiebung bedrohten Kurden und auch für eine Flüchtlingsfamilie aus Dagestan und sorgte mit unermüdlichem Einsatz für deren Unterbringung im Beginenhof in der Neustadt. Alle, die sie kannten, hoben ihre Fürsorglichkeit und ihre liebevolle Zuwendung zu Menschen hervor. Renate Möbius liebte das Theaterspielen, so trat sie auf Festen mit Sketchen auf. Sie war eine begeisterte Seglerin und gehörte deshalb dem Wassersportverband Hemelingen an und sie war auch eine begeisterte Köchin.

Sie erlag an ihrem Geburtstag einem Krebsleiden. "Wir verlieren mit Renate eine ebenso herzliche wie streitbare Sozialdemokratin und politische Weggefährtin, deren menschliche Integrität und kritische Aufrichtigkeit uns fehlen werden." heißt es in der Erklärung der SPD-Bürgerschaftsfraktion Bremen anlässlich ihres Todes.

Quellen:
Würdigung von Renate Möbius durch den Bürgeschaftspräsidenten, http://www.bremische-buergerschaft.de/index.php?id=35&tx_ttnews[tt_news]=333&cHash=2d20ed99ca1e589b40abab89f8c9b2f1
www.spdfraktion-bremen.de/koepfe/person/23/.../textversion
www.abgeordnetenwatch.de › ... › 2011 › Bremen › Kandidierende, 29.04.2011
Plenarprotokoll 41. Sitzung, 1116.6.2010
Weser-Kurier: 26.12.2012, 12.07.2011, 13.6.11, 28.1.2008, 20.10.07,16.12.06, , 24.4.03, 4.6.03, 20.10.05, 28.11.02, 16.02.01, 8.11.2000, 15.12.99, 11.5.95, 23.11.94, ,14.3.89, 17.7.89, 28.9.89,14.3.90, http://www.renate-moebius.de/management-sonntag.html
de.wikipedia.org/wiki/Renate_Möbius

Autorin: Edith Laudowicz