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Eva Seligmann,
16.9.1912 Berlin - 1.6.1997 Bremen


Eva Seligmann wurde in Berlin als Tochter des jüdischen Händlers Alfred Seligmann und der evangelischen Pianistin Margarete Fritz geboren. Sie hatte noch zwei Geschwister, ihre jüngste Schwester starb jedoch schon im Alter von zwei Jahren. Eva Seligmann wuchs in einem pazifistisch eingestellten Elternhaus auf. Ihre Mutter war stark an pädagogischen Fragen interessiert und war Mitglied des Bundes entschiedener Schulreformer. Die Eltern setzten sich für eine moderne Erziehung der Kinder ein. In ihrer Jugend war sie Mitglied der pazifistischen Weltjugendliga, die viele Kontakte zu ausländischen Jugendlichen knüpfte. 1918 wurde sie in eine Volksschule eingeschult, in der Kinder aus allen Schichten gemeinsam lernten - allerdings Mädchen und Jungen getrennt.

Sie konnte dort jedoch kein Abitur ablegen, sondern wechselte zur städtischen Dorotheenschule in Köpenick. Nach dem Besuch des Gymnasiums begann sie 1931 ihre Ausbildung zur Lehrerin an der Pädagogischen Akademie in Frankfurt. In Frankfurt wurde sie auch Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Stark beeindruckt war sie von der Professorin Gerda Simon (später Simon-Hajek), die ihre Tätigkeit mit Beginn des Nationalsozialismus aufgeben musste. Sie legte ihren Studienschwerpunkt auf das Fach Sozialpädagogik und das Thema ihrer Abschlussarbeit war: "Was kann die Volksschule von der Erziehung durch die Familie erwarten," ein Thema , das durch ein Praktikum in einer Fürsorgestelle Nordberlins angeregt worden war. Ein weiteres Praktikum auf einer Landschule erweckte in ihr den Wunsch, in einer solchen Schule zu arbeiten. Doch dazu kam es nicht, denn schon kurz nach der Machtergreifung Hitlers konnte sie gerade noch ihre Prüfung abschließen, bewarb sich für den Dienst als Volksschullehrerin und wurde prompt aus "rassischen Gründen" abgelehnt.
In den nächsten Jahren wurde sie durch die politischen Umstände zu häufigem Orts- und Beschäftigungswechsel gezwungen. Eine kurze Zeit konnte sie sich in England/Leeds aufhalten und als Au-pair Mädchen und als Dienstmädchen in einer Familie arbeiteten. von dort ging nach Antibes und arbeitete wieder als Au-pair Mädchen, nach einer erfolglosen Bewerbung in der Schweiz kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie für einige Zeit Hauslehrerin in einer jüdischen Familie war. Sie verließ Berlin in ging in die Schweiz, wo sie in der Alpinen Landschule Vigiljoch als Lehrerin arbeiten konnte. Jedoch auch hier konnte sie nicht bleiben, sie fand sechs Monate Zuflucht in Essen bei Bekannten, die dem "Bund Gemeinschaft für sozialistisches Leben" angehörten.
Da sie finanzielle Probleme hatte, musste sie sich jedoch um Arbeit bemühen und erhielt eine Stelle im jüdischen Landschulheim in Herrlingen bei Caputh. Hier lernte sie die Pädagogin Jenny Heyman kennen, die sie stark beeindruckte. Zwischen ihnen entwickelte sich eine Freundschaft. Sie begann sich mit dem Werk Martin Bubers zu befassen. Nach der Pogromnacht 1938 löste sich die Schule durch die Auswanderung vieler Kinder auf und 1939 wurde sie geschlossen.

Obwohl sie in England viele Freunde gewonnen hatte, die ihr nahe legten, die englische Staatsbürgerschaft zu erwerben, entschloss sie sich doch, Minna Specht zu folgen und in Deutschland am Aufbau eines neues Erziehungswesens mitzuwirken.

Ihre Mutter hatte den Krieg überlebt, ihr Vater war 1943 im KZ Auschwitz umgekommen und ihr Bruder Raimund (*1914) hatte Selbstmord verübt. Sie ging zuerst wieder nach Frankfurt, arbeite dort an einer Volksschule in Bockenenem von 1947 bis 1951 an der Odenwaldschule beschäftigt, die reformpädagogische Konzepte entwickelte. Als nach der Währungsreform sich das Konzept aufgrund der finanziellen Situation änderte, verließ sie die Schule und leitete anschließend Kinderheime der Arbeiterwohlfahrt in Haiger(Westerwald) ein Heim mit 12 Plätzen, das nach einiger Zeit aufgegeben wurde und danach ein Heim in Gehringshof bei Fulda, das 1956 aus finanziellen Gründen aufgeben wurde. Erneut musste sie sich eine andere Arbeitsstelle suchen. Nach Bremen kam sie aufgrund ihrer Fürsorge für zwei Jungen aus Gehringshof, die ihre Pflegesöhne wurden. In Blumenthal erwarb sie ein Haus. An der Schule am Brommy-Platz (die zunächst Schule für Entwicklungsgestörte Kinder hieß, aus der später die Fritz-Gansberg-Schule hervorging) wurde sie Lehrerin in einer Klasse für kriegsgeschädigte Kinder. Zum pädagogischen Konzept gehörte u.a der Versicht auf eine Benotung, die Beurteilung der Schülerinnen und Schüler erfolgt ein Textform. 1963 wechselte sie in die Bildungsbehörde und war Schulrätin für das Sonderschulwesen. Weit über Bremen hinaus trug sie dazu bei, dass in der schulischen Versorgung behinderter Kinder neue Wege beschritten wurden, die ihrer Ausgrenzung entgegenwirkten und ihnen erstmals die Chance einräumten, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu entwickeln und am Leben beteiligt zu sein.

Nach ihrer Pensionierung reiste und las sie viel, besuchte Freunde, empfing Gäste. In den letzten Jahren ließ ihre Lebenskraft und ihr Erinnerungsvermögen nach. Sie starb 1997.

Nach ihr wurden zahlreiche Schulen und in Bremen-Bockhorn eine Straße nach ihr benannt.
In Bremen-Farge trägt die Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt ihren Namen. Alljährlich wird der Eva-Seligmann-Preis wird vom Landesverband Bremen des Verband Sonderpädagogik e.V. vergeben.

Autorin: Edith Laudowicz
Literatur und Quellen:
Heide Henk,Eva Seligmann, Erinnerungen einer streitbaren Pädagogin, Bremen 2000
Informationen zum Buch:
Edition Temmen,154 S.1. Aufl. 2000



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