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Dr.Karin Auguste Ella Magnussen
9.2.1908 Bremen - 19.2.1997 Bremen

Karin Magnussen war die Tochter des Landschaftsmalers und Keramikers Walter Claus Magnussen, und seiner Frau, die Bildhauerin Anna Margarethe, geb. Petersen. Sie hatte zwei Schwestern. Sie besuchte von 1914 -1924 das Lyzeum Vietor, von 1925 - 1928 das Oberlyzeum Kippenberg. Nach dem Abitur studierte sie an der Universität Göttingen und Freiburg Biologie, Geologie, Chemie und Physik.


Schon 1930 wurde sie Mitglied des Nationalsozialistischen Studentenbundes, 1931 trat sie in die NSDAP ein. Im Juli 1932 legte sie ihre Dissertation: Untersuchungen zur Entwicklungsphysiologie des Schmetterlingsflügels vor. Nach der Promotion zum Dr.rer.nat. war sie bei Alfred Kühn am Zoologischen Institut der Universität Göttingen beschäftigt. Dort bestand sie am 15.12.1933 die erste Lehramtsprüfung in den Fächern Botanik, Zoologie sowie Geologie.1

Hinwendung zum Faschismus

1934 trat sie in den BDM ein und hielt in Bremen Vorträge zu Rassen- und Bevölkerungspolitik . Im selben Jahr trat sie auch dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) bei . Am 23.3.36 legte sie das zweite Staatsexamen für das höhere Lehramt in den Fächern Biologie, Zoologie und Botanik ab. In Hannover war sie anschließend als Studienassesorin an einem Oberlyzeum bis 1936 tätig, von 1936 - 1938 war sie Studienassessorin in Uelzen , anschließend je sechs Monate in Verden und Hannover, wo sie auch am Rassepolitischen Amt beschäftigt war. 1938 begann sie sich mit der Erforschung der Augenpigmentierung.
1936 erschien ihr Buch Rassen- und bevölkerungspolitisches Rüstzeug, Darin wird ihre rassistische Einstellung, die sie in dieser Form im Unterricht und auch gegenüber den Kolleginnen nicht zum Ausdruck brachte, deutlich: "In diesem Kriege geht es nicht allein um die Erhaltung des deutschen Volkes, sondern um die Frage, welche Rassen und Völker in Zukunft auf dem Boden Europas leben sollen. … Im Grunde hätte gar nicht England an der Führung dieses Krieges ein Interesse gehabt, sondern nur ein ganz anderes Volk, das als Parasit hinter den Kulissen arbeitet und das fürchtet, sonst alles zu verlieren. In allen Feindstaaten hat das Judentum maßgeblichen Einfluß. Und gerade das Judentum hatte wohl am klarsten erkannt, daß der entscheidende Kampf um die Rassenfrage geführt werden mußte. Der gegenwärtige Krieg muß also über die Zurückdrängung der schwarzen Gefahr im Westen und die Beseitigung der bolschewistischen Bedrohung im Osten hinaus noch ein rassisches Kernproblem in Europa lösen, an dem alle Staaten mehr oder weniger interessiert sind: Die Judenfrage. Auch der Jude, der noch in unserem Lande Gastrecht genießt, ist unser Kriegsgegner, selbst wenn er nicht mit der Waffe aktiv in den Kampf eingreift. …Vom europäischen Standpunkt aus ist die Judenfrage nicht dadurch gelöst, daß die Juden aus den rassisch denkenden in die anderen Staaten auswandern. Wir haben gesehen, daß diese Emigranten nur Unruheherde bilden und die Völker gegeneinander aufhetzen."2

Mitarbeit im Kaiser-Wilhelm-Institut

Im Herbst 1941 bewarb sie sich erfolgreich um ein Stipendium beim Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) in Berlin-Dahlem und wurde aus dem Schuldienst bis 1945 beurlaubt.. Zunächst arbeitete sie als Stipendiaten unter dem Abteilungsleiter Hans Nachtsheim, "ab 1943 als wissenschaftliche Assistentin von Otmar Freiherr von Verschuer in der Abteilung für Experimentelle Erbpathologie. Ihr Forschungsschwerpunkt lag dabei auf der Vererbung der Augenfarbe bei Kaninchen und Menschen. Ihr besonderes Interesse galt dabei der Iris-Heterochromie, die sie seit 1938 untersuchte. Magnussen versuchte den wissenschaftlichen Nachweis zu führen, dass die Augenfarbe nicht nur genetisch, sondern auch hormonell bedingt sei. Dabei nahm sie zunächst Untersuchungen an Kaninchenaugen, die sie selbst züchtete, vor. Hier lernte sie Dr. Mengele,leitender Lagerarzt des sogenannten Zigeunerlagers in Auschwitz-Birkenau kennen. Er führt im Lager Experimente an Kindern durch. "Karin Magnussen erfährt, dass sich unter der Sinti-Familie Mechau aus Norddeutschland vermehrt Zwillinge und Familienmitglieder mit Iris-Heterochromie befinden würden. Mitglieder der Familie wurden im Frühjahr 1943 ins KWI-A gebracht, wo Magnussen sie fotografierte. Noch im März 1943 wurde die Sinti-Familie ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Nun konnte Magnussen ihre Experimente an Kaninchen von Mengele auch am Menschen vornehmen lassen. Nach Anweisung von Magnussen behandelte Mengele unter anderem die Augen dieser Sintifamilie mit hormonellen Substanzen.3
Der ungarische Häftlingspathologe Miklós Nyiszli bemerkte nach der Obduktion von Sinti-Zwillingen, dass diese nicht krankheitsbedingt, sondern durch eine Chloroforminjektion ins Herz getötet worden waren. Nyiszli musste ihre Augen präparieren und ans KWI-A verschicken. Ziel dieser Experimente war die Erforschung und Beseitigung der Anomalie bei Menschen mit Iris-Heterochromie. Im Falle des Todes der Häftlinge sicherte Mengele Magnussen zu, ihr die Augen der Opfer zur weiteren Forschung und Auswertung zukommen zu lassen. Im zweiten Halbjahr 1944 erhielt Magnussen in mehreren Lieferungen insgesamt 40 Augenpaare der Experimentieropfer aus Auschwitz-Birkenau zugesandt. Es ist völlig unglaubwürdig, dass sie behauptete, nicht gewusst zu haben, das diese nicht von natürlich verstorbenen Kindern stammten.
Diese Experimente sollten die Grundlage für eine Forschungsarbeit sein, die im Sommer 1944 erschien unter dem Titel "Beziehungen zwischen Irisfarbe, histologischer Pigmentverteilung und Pigmentierung des Bulbus beim menschlichen Auge. Obwohl sie wusste, dass Mengele in Auschwitz Menschenversuche machte, behaupetete später, sie habe nicht gewußt, dass es sich um Augen von Ermordeten handele. Sie gab spätere an, ihrer Meinung nach seien es "Augen von Menschen aus Mitteleuropa"4 gewesen.
In diesem Institut freundete sie sich auch mit der Sekretärin Dorothea Michealsen an, die ihre Lebensgefährtin wurde.

Nach Kriegsende

Sie kam zunächst bei Verwandten in Göttingen unter, bewarb sich dann aber in Bremen. Sie musste aber zunächst in Hannover ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen, in der sie aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft nur als Minderbelastete eingestuft wurde. Sowohl ihre Arbeit für das rassepolitische Amt wurde wie auch ihre Tätigkeit im KWI wurden mit in die Bewertung miteinbezogen und in der Stellungnahme des Deutschen Entnazifizierungsausschusses hieß es sogar "daß sie noch bis jetzt unbelehrbar zu sein scheint."5 Sie erhielt Berufsverbot für den niedersächsischen Schuldienst. Sie zog 1947 nach Bremen und forschte ab 1948 weiter am Tuberkulose Institut Borstel. Sie musste sich aber in Bremen erneut ein Entnazifizierungsverfahren stellen. "Sie bestätigte bei ihrer Vernehmung vor der Bremer Spruchkammer am 25.5.1949, dass sie ihre Untersuchungen an heterochromen Augenpaaren von Zwillingen nur in Zusammenarbeit mit Mengele durchführen konnte: "Im Frühjahr 1943 habe ich selbst noch fotographische Augenaufnahmen von solchen Zwillingen im Institut in Dahlem gemacht, ehe die Zwillinge nach Auschwitz kamen. Meine Forschungsaufgabe habe ich durchgeführt, obgleich mir nach Internierung der Heterochromie-Sippe in Auschwitz jeder Zugang zu den Mitgliedern dieser Sippe verschlossen war, und zwar war das nur durch die Hilfe von Dr. Mengele möglich, der zufällig als Arzt an das Lager kommandiert war." Karin Magnussen sagte nicht, dass sie ihre Untersuchungen nur deshalb erfolgreich abschließen konnte, weil die Zwillinge, die sie noch lebend in Dahlem fotographiert hatte, in Auschwitz ermordet, die Augen ihren Leichen entnommen und an das Institut zurückgeschickt wurden. Der ungarische Gerichtsmediziner Miklos Nyiszli (1901-1956) war derjenige, der als KZ-Häftling und Forschungsassistent von Mengele in Auschwitz die Sektionen vornehmen, die 24 Körperteile präparieren, versandfertig machen und die Pakete adressieren mußte."6 Unverständlich ist, warum trotz dieser Erkenntnisse die Kriterien des Gesetzes zur Befreiung vom Nationalsozialismus nicht konsequent angewandt wurden. In Artikel 4.6 wird als Hauptschuldiger angesehen,"wer ..der nationalistischen Gewaltherrschaft politische, wirtschaftliche, propagandistische Unterstützung gewährt hat oder wer aus seiner Verbindung mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft für sich oder andere sehr erheblichen Nutzen gezogen hat - und in § 8: wer sich in einem Konzentrationslager…an Grausamkeiten in irgendeiner Form beteiligt hat und in Artikel 7.II.1. wird als Aktivist eingestuft, - insbesondere soweit er nicht Hauptschuldner ist - wer sich durch Wort oder Tat, insbesondere öffentlich durch durch Reden oder Schriften….wesentlich zur Begründung, Stärkung oder Erhaltung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beigetragen hat."7 und obwohl sie in ihrer Stellungnahme nicht ihre Tätigkeit für das rassepolitische Amt und das KWI verschwieg, wurde sie wiederum nur als Minderbelastete eingestuft und musste 490 Mark Sühnegeld zahlen.
Ursache dafür müssen wohl die zahlreichen überschwänglichen Stellungnahmen verschiedener Einrichtungen und Kollegen wie Prof. Moess -KWI, Dr. Roeder, Hannover, insbesondere aber auch die der Lehrerinnen Disse, Anna Johanna Lürßen, Marie Cabisius - über ihre hervorragende Lehrbefähigung gewesen sein.

Im Schuldienst in Bremen

1950 bewarb sich für den Bremer Schuldienst und ab dem unterrichtete sie als Studienrätin in ihrer früheren Schule, der Frauenoberschule Karlstraße das Fach Biologie. "Sie galt als beliebte Lehrerin, die einen interessanten Biologieunterricht führte. Magnussens Schülerinnen konnten beispielsweise lebende und tote Kaninchen aus ihrer Zucht untersuchen. 1952 refeierte sie "Bis 1964 publizierte Magnussen Aufsätze in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften. Am 31.7.1970 wurde Karin Magnussen pensioniert. Noch im hohen Alter rechtfertigte Magnussen die nationalsozialistische Rassenideologie. So merkte sie 1980 in einem Gespräch mit dem Genetiker Benno Müller-Hill an, dass die Nürnberger Rassengesetze nicht weit genug gingen. Sie verneinte bis zuletzt, dass Mengele für ihre Untersuchungen Kinder getötet hätte.8
Sie lebte in dem Haus ihrer Eltern in der Hagenauer Str. 7 mit ihrer Freundin Dorothea Michealsen (*31.12.1898-29.9.1973. In der Todesanzeige heißt es über sie; "Ein Leben voll Güte, Selbstlosigkeit und Aufopferung für andere ging nach schwerer Krankheit unerwartet schnell zu Ende. In Dank-barkeit für eine lange Strecke gemeinsamen Lebensweges mit gemeinsamer Arbeit.(WK 20.7.73 Sie schrieb noch zwei Biografien über ihre Mutter und ihren Vater (Walter Magnussen, 1869-1946: Landschaftsmaler und Keramiker Als sie 1990 in ein Pflegheim übersiedelte, befanden sich in der Wohnung ‚gläserweise" Augen Unzweifelhaft hatte sie einige aus dem Institut in Göttingen nach Bremen verfrachten können Ob sich darunter noch Augen von Opfern aus dem KZ befanden, ist dagegen ungewiss."9Sie wurden nach ihrem Tod von einem Familienmitglied entsorgt.

Literatur und Quellen: Becker, Kathrin Anna: Die Biologin und Lehrerin Dr. Karin Magnussen - eine Mitläuferin ? in: Schöck-Quinteros (Hg.) "Was verstehen wir Frauen schon von Politik" Entnazifizierung ganz normaler Frauen in Bremen (1945-1952), S.99 -117 Entnazifizierungsakte Military Government 6.8.47NLA-HHSt/AH RH/HAN/ED.1936-Magnussen, Karin
Hesse Hans: Augen aus Auschwitz. Ein Lehrstück über nationalsozialistischen Rassenwahn und medizinische Forschung. Der Fall Dr. Karin Magnussen, Klartext, Essen 2001. Wikipedia: Karin Magnussen, Zugriff 12.9.2017,Dort weitere Literaturangaben
Lebenslauf in: Personalakte Karin Magnussen, StAB 4,66-1-6922
Sachse Carola Hg.:Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Wallstein, Göttingen 2003 Reihe: Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Zwischenbericht Schmuhl Hans-Walter: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927-1945. Reihe: Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, 9. Wallstein, Göttingen 2005,

WESER-KURIER 20.7.73
Klee Ernst: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer,Frankfurt am Main 1997
Anmerkungen
1. Angaben aus der Personalakte Karin Magnussen
2. Aus ihrem Buch: Rassen- und bevölkerungspolitisches Rüstzeug. 3.Aufl. Lehmanns, München 1943, S. 201-203
3. Schieder Wolfgang/ Trunk Achim: Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: Wissenschaft, Industrie und Politik im Dritten Reich., Göttingen 2004, S. 297
4. ebda. 5. Stellungnahme des Deutschen Entnazifizierungsausschuss 17.6.1947, NLA-HStAH RH/HR/HAN/ED 1936, Magnussen/Karin
6. Forschungsprogramm "Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus "Carola Sachse und Benoit Massini (Hrsg.): Research Program "History of the Kaiser Wilhelm Society in the National Socialist Era" Biowissenschaftliche Forschung am Kaiser -Wilhelm-Instituten und die Verbrechen des NS-Regimes, Informationen über den gegenwärtigen Wissensstand, Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm,"Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialiusder Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. Ergebnisse Berlin 2000 http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/Ergebnisse/Ergebnisse3.pdf
7. Schöck-Quinteros, Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus vom 9.Mai 1947, S 37-45
8. Becker, Kathrin Anna: Die Biologin und Lehrerin Dr. Karin Magnussen,in Schöck-Quinteros S.99-117
9. Hönighaus Sascha Karin Magnussen, Berlin 2007, S.199f 10.Hesse, Hans; Augen aus Auschwitz, Der Fall Karin Magnussen, Arbeiter- und Sozialgeschichte Heft 6, S.S.55-63,S.62 11.Klee Ernst: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer,Frankfurt am Main 1997,S.486

Autorin:Edith Laudowicz ©