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Noltenius Helene Adolfine, geb. Kalm

5.7.1875 Bremerhaven - 8.2.1966 Bremen
 

Helene war die Tochter des Gymnasiallehrers Eduard Kalm (1841-1926) und seiner Frau Marie, geb. Bruns (1846-1914). Helene hatte fünf Geschwister. 1880 wurde sie in die Höhere Mädchenschule Auguste Greuer-Gill in Bremerhaven eingeschult und absolvierte nach Abschluss der Schule ein Jahr in einem Haushalt in Thüringen.
Ihr Vater schloss 1890 mit Eberhard Noltenius1 , der zehn Jahre älter als seine zukünftige Frau war, einen notariellen Ehevertrag ab. Helene kannte zu diesem Zeitpunkt ihren Zukünftigen nicht, sondern erst 1898 "lernte sich das Paar auf dem Hochzeitsball einer Freundin näher kennen."1 Eberhard N. ging nach einer kaufmännischen Lehre 1887 nach Chile und wurde Teilhaber der Firma seines Freundes Friedrich Köper in Guatemala. 1898 heiratete das Paar und sie reiste mit ihm und einer umfangreichen Haushaltsausstattung nach Guatemala. Hier lebte die Familie in einem ansprechenden Haus in der Innenstadt." Es hatte sechs Zimmer und ein ‚Fremdenstübchen' sowie ein Schrankzimmer"3 besonders gefiel ihr der große Innenhof des Hauses.
Schon ein Jahr später wurde ihr erstes Kind, Friedrich Eberhard, geboren. In Guatemala musste sich Helene N. auf die fremde Umgebung und Lebensweise einstellen. Zwar hatte sie im Haus schon elektrisches Licht, aber Trinkwasser musste gebracht werden, ein Abwassersystem gab es nicht. Zu ihrer Unterstützung hatte sie einheimische Dienst- und Kindermädchen. Von 1901 bis 1908 wurden in Guatemala noch vier Kinder geboren: Käthe (1901-1993), Wilhelm Adolf(1901-1965), Maria Elena Christina (1906 -1991) und Otto Georg Eduard (1908-1932). Die Kinder wurden von einer Amme genährt, da Helene nicht selbst stillen konnte.
Ihr oblag die Haushaltsführung - sie wies das Dienstpersonal an, stattete das Heim aus und nähte Kleidung für die Kinder nach deutscher Mode - dies alles bei einem nur knappen Budget, das der Ehemann ihr zuteilte. Ihre Sparsamkeit führte dazu, dass die Nahrungsmittel vor dem Dienstpersonal verschlossen wurden. Wenn sie sich in vielem auch an einheimische Sitten gewöhnen musste, blieb sie bei ihrem an deutschen Vorstellungen orientierten Erziehungsstil. So gehörten Prügelstrafen durchaus dazu.
Mit ihrem Ehemann, der aufgrund seines zweiten Geschäftes in Retalhuleu häufig abwesend war, tauschte sie sich brieflich rege über die Erziehung aber auch über die geschäftlichen Vorgänge aus. Der Tod ihres Sohnes Eberhard 1907 an Hirnhautentzündung setzte ihr sehr zu. Das Ehepaar kehrte nach Bremen zurück, im Mai 1909 zogen sie auf dem Brandenhof in Borgfeld ein. Dieser war durch die Heirat von Eberhards Vater in den Besitz der Familie N. gelangt, sie selbst aber waren Mieter der von ihnen bewohnten Räume. Schon kurz nach ihrer Ankunft unterzog sich Helene einer Brustoperation, nach der sie fortan kränklich blieb. 1910 reiste ihr Mann wieder nach Guatemala, um einem Nachfolger das Geschäft zu übergeben. 1911 wurde ihr Sohn Hermann Edmund (1908-1944) geboren.
Während der Zeit der Abwesenheit ihres Mannes führte sie den Brandenhof allein. Sie musste ein Schlachtfest organisieren, Ersatz für einen abgebrannten Föhrenwald beschaffen, für die Tiere Stroh einkaufen sowie die Ein- und Ausgaben wie Löhne und Schulgeld verwalten. Um die Einnahmen zu erhöhen, vermietete sie ein leerstehendes Haus. Unterstützt wurde sie dabei von ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager Eduard Noltenius, der mit seiner Familie in einem Gebäude des Gutes lebte. Sie entwickelte sich in kurzer Zeit zu einer umsichtigen Gutsverwalterin.
1914 wurde Eberhard Noltenius Versorgungsoffizier in Osteuropa. Nach Kriegsende konnte er nicht sogleich wieder nach Guatemala reisen, sondern erst 1919, wo er das ehemalige Wohnhaus vom Erdbeben völlig zerstört vorfand. Landbesitz und Kapital deutscher Kaufleute war von den Amerikanern konfisziert worden. 1920 erlebte er dort einen Putsch. Sein Antrag auf Herausgabe seines Kapitals wurde abschlägig beschieden. Er kehrte nach Bremen zurück, wo er 1925 starb, 1932 auch ihr Sohn Eduard, der in Guatemala die Geschäfte geführt hatte. Im zweiten Weltkrieg verlor sie ihren Sohn Hermann an der Ostfront.
Sie war im Borgfelder Frauenverein aktiv, sie lebte bis zu ihrem Tod in Bremen Borgfeld. Bei ihrem Tod lebten nur noch ihre beiden Töchter. Sie wurde auf dem Riensberger Friedhof begraben.


In Borgfeld ist der Helene-Noltenius-Weg nach ihr benannt.

Anmerkungen; 1.Eberhard Noltenius war der Sohn des Schiffskapitäns Conrad Rudolf Noltenius (1824-1900) und seiner Frau Anna Maria Helene Pajeken (1842-1918) aus Bremerhaven. 2.Hoffmann, Wiebke, S.192 3.ebda
Literatur und Quellen: das Porträt basiert auf den Forschungen von: Hoffmann, Wiebke: Auswandern und zurückkehren, Bremen 2009


Autorin: Edith Laudowicz