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Mindermann, Marie Christiane
9.12.1909 Bremen - 2.3.1882 Bremen


Marie Mindermann war die Tochter von Elisabeth Flügger(1800-1839) und des Drechslermeisters Johann Mindermann (1764-1840). Sie hatte drei Schwestern: Christina Charlotte(*1801), Katharine Louise (*3.5.1803 und Johanna Maria (5.1.1805). Sie besuchte bis 1814 die Klippschule und konnte mit fünf Jahren bereits lesen.Daanch geht sie bis 1821 die Domschule beim Schulleiter Adam Rutenberg. Sie erhält zusätzlichen Deutschunterricht von einem jungen Lehrerund bekam. Statt der üblichen Aufsätze brachte sie Verse mit, die die Anerkennung ihres Lehrers fanden.


Erste schriftstllerische Arbeiten

Ermutigt durch das Vorbild Betty Gleims, mit der ihre Mutter befreundet war, fasste sie den Entschluss, Lehrerin zu werden. Trotz ihres Talentes musste sie diesen Plan aufgeben. Die langwierige und kostspielige Ausbildung überstieg die finanziellen Möglichkeiten des Vaters. So verließ Marie mit 13 Jahren die Schule, um im elterlichen Haushalt zu arbeiten. Sie begann, sich in den wenigen freien Abendstunden selbst weiterzubilden.

Im "Bürgerfreund"1erschienen einige ihrer Gedichte - allerdings ohne die Autorin namentlich zu erwähnen. 1839 verlor sie ihre Mutter und 1840 den Vater. Einem Heiratsantrag eines Gesellen, der so hoffte, die Werkstatt übernehmen zu können, lehnte sie ab.1830 lernte sie die zehn Jahre ältere Musilehrerin (Harfinistin) Caroline Lacroix kennen und zieht zu ihr in die Westerstraße 56. Das Paar bleibt lebenslang in einer Freundschaftsehe verbunden und zieht 1856 gemeinsam in das St. Rembertistift..

Ab 1852 lebte Marie Mindermann mit ihrer zehn Jahre älteren Freundin, der Harfinistin Caroline Lacroix in der Westerstr.56, im Haus des Uhrmachers Christian Weber zusammen. Nach der Veräußerung des väterlichen Betriebes machte Marie Mindermann das Schreiben zu ihrem "Brotberuf". 1851 engagierte sie sich für den demokratisch gesonnenen Pastor Dulon. Dieser stand an der Spitze der revolutionären Bewegung in Bremen und wurde 1848 Mitglied der Bürgerschaft. Zudem war er von der Gemeinde Unser Lieben Frauen gegen den Willen des Kirchenausschusses zum 2. Prediger gewählt worden.
1852 wurde Dulon trotz Widerstandes der Gemeinde vom Senat aus dem Amt als Seelsorger entlassen und musste wegen des weiterbestehenden Verdachts, revolutionäre Beziehungen zu unterhalten, nach England fliehen. Es erschien eine von ihr verfasste Schrift anonym, adressiert an die 23 Streiter des Herren - gemeint waren die Mitglieder der Gemeinde Unserer Lieben Frauen Gemeinde, die den Sturz des Pastors Dulon, für den sie sich begeisterte, betrieben hatten. Sie schrieb: "Ja, meine verehrten Dreiundzwanzig, Ihnen und den Ihrigen gehört die Zukunft; Ihnen verdankt es die Kirche, sie gereinigt zu haben von allen wilden Schlingpflanzen der Freiheit"2 und in ihrer Schrift "Materialia - gesammelt in feierlichen Abendstunden in der Kirche Sankt Wimmerius Simp" spottete sie über die Vorschläge zur Linderung der Not der Arbeiter: "Da schwatzt man viel und übertrieben von Arbeiternot, von Hunger und Elend. Hier, hier in dem Heiligen Bibelbuche da liegt der Trost, da liegt die Erlösung vom Elend,' da möchte es wohl sehr geraten sein, den hungernden Bewohnern des Spessarts, der Rhön und des Thüringer Waldes Bibeln zu futtern zu senden, damit die Leute satt würden."3 Und sie scheute nicht davor zurück, auch die herrschende Elite heftig zu attackieren: "Es ist, mit wenigen Ausnahmen, ein hochmütiges und herzloses Geschlecht, diese Patrizier, die Herren die Herren von der Bierbrauer-Societät, vom Kaufmanns- und Krämerstande, deren Töchter schon einst der friesische Häuptling Gerold verschmähte."4


Parteinahme für die Demokraten

Es erschien eine von ihr verfasste Schrift anonym, adressiert an die 23 Streiter des Herren - gemeint waren die Mitglieder der Gemeinde Unserer Lieben Frauen, die den Sturz des Pastors Dulon, für den sie sich begeisterte, betrieben hatten. Sie schrieb: "Ja, meine verehrten Dreiundzwanzig, Ihnen und den Ihrigen gehört die Zukunft; Ihnen verdankt es die Kirche, sie gereinigt zu haben von allen wilden Schlingpflanzen der Freiheit" und in ihrer Schrift "Materialia - gesammelt in feierlichen Abendstunden in der Kirche Sankt Wimmerius Simp" spottete sie über die Vorschläge zur Linderung der Not der Arbeiter: "Da schwatzt man viel und übertrieben von Arbeiternot, von Hunger und Elend. `Hier, hier in dem Heiligen Bibelbuche da liegt der Trost, da liegt die Erlösung vom Elend,' da möchte es wohl sehr geraten sein, den hungernden Bewohnern des Spessarts, der Rhön und des Thüringer Waldes Bibeln zu futtern zu senden, damit die Leute satt würden."2
Und sie scheute nicht davor zurück, auch die herrschende Elite heftig zu attackieren: "Es ist, mit wenigen Ausnahmen, ein hochmütiges und herzloses Geschlecht, diese Patrizier, die Herren von der Bierbrauer-Societät, vom Kaufmanns- und Krämerstande, deren Töchter schon einst der friesische Häuptling Gerold verschmähte."4 In der Öffentlichkeit herrschte Empörung und man versuchte, den Verfasser herauszufinden (an eine Verfasserin dachte man nicht) Mit Hilfe von Drohungen gegen Verleger und Drucker gelang es der Polizei, die Autorin ausfindig zu machen. Obwohl der Kommissar vorerst gar nicht glauben konnte, dass die gefährlichen Texte von einer Frau stammten, "denn Frauenzimmer könnten so etwas nicht schreiben"5, geriet sie in die Mühlen der Justiz.

Verurteilung

Selbst in dieser Situation ließ sie sich nicht einschüchtern. Sie fragte den Kommissar, mit welche Frauen er umgehe.Als dieser antwortete‚ entgegnete sie; "Das stelle ich nicht in Abrede. Aber wer einem Frauenzimmer durchaus die Fähigkeit abspricht, Ähnliches ,wie das in Rede stehende Schriftchen, zu verfassen der muss nothwendigerweise mit recht bornierten Frauenzimmern umgehen."6 Sie wurde zu einer Geldstrafe oder achttägigen Zuchthausstrafe wegen Verunglimpfung des Senats im Detentionshaus am Wall verurteilt. Sie entschied sich für Letzeres. Ihre Beschreibung dieser Haftbedingungen beschrieb sie in ihrer Schrift Eigenthümlichkeiten der Neuzeit.
Nach ihrer Haftentlassung konnte sie acht Jahre nichts mehr in Bremen veröffentlichen. Sie fand Verleger in Lübeck und Glogau.

Auszeichnung für ihre literarischen Arbeiten

Ihr letztes Buch, eine Sammlung von Volksweisheiten und Bibelsprüchen, gab sie 1879 heraus. Sie fand für diese Arbeiten allgemein Anerkennung und war auch als Jugendschriftstellerin geschätzt. So wurde in der Nähschule des Erwerbsvereins während des Unterrichts im Weißnähen den Mädchen aus ihren Werken, die man als besonders anregend und belehrend empfand, vorgelesen. Die höchste Würdigung ihrer schriftstellerischen Arbeit erfuhr Marie Mindermann 1875. Derartige Auszeichnungen waren für Frauen eine große Ausnahme und voller Stolz berichtete der Vorstand des Bremer Erwerbsvereins von diesem Ereignis in den "Neuen Bahnen" mit einer Notiz, die er dem Bericht über die Entwicklung der Vereinsarbeit voranstellte:
"Unsere geschätzte Mitbürgerin und Jugendschriftstellerin Marie Mindermann ist von dem 'Freien deutschen Hochstift' in Goethe's Vaterhause zu Frankfurt a. M. zum Ehrenmitgliede und Meister ernannt worden; und zwar nach den Satzungen, auf Vorschlag der Meisterschaft in offener Sitzung der Mitglieder. In dem Anzeigeblatt heißt es zum Schluß: 'Wir ersuchen Sie verehrungsvollst, die Rechte eines Meisters zur Ehre der geistigen Hoheit unseres Volkes anzunehmen, und bitten Sie zugleich, sich insbesondere in dem von Ihnen mit so großem Erfolge gepflegten Gebiete der Dichtkunst und schönen Wissenschaften kräftigst an der Thätigkeit des "Freien deutschen Hochstifts" zu beteiligen. ' Die kunstvoll ausgeführte Urkunde ist der zum Meister ernannten bereits zugesand worden. Die vielen Verehrer unserer Dichterin werden obige Mittheilung sicherlich mit Freude entgegennehmen und ebenso die Leserinnen der 'Neuen Bahnen', da sie ja zu deren Mitarbeiterinnen, wie zu den Mitgliedern des Allgem. deutschen Frauenvereins und zu den Mitbegründerinnen des hiesigen "Vereins für Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts" gehört. Auch ist es ja immer ein Triumph für alle an der Frauenfrage Betheiligten, wenn eine derselben und wenn überhaupt eine Frau eine solche Anerkennung Seitens der Vertreter der Wissenschaften findet."7


Engagement für Frauenarbeit

Wenn Marie Mindermann sich nach 1852 auch nicht mehr eindeutig politisch betätigte, so zog sie sich dennoch nicht völlig aus diesem Bereich zurück. 1856 zog sie mit ihrer Freundin Caroline Lacroix in das Rembertistift. Ihre Erfahrungen mit der Justiz und der Bremer Gesellschaft führten sie nicht in die Resignation, sondern zu einem neuen Ziel: bis 1872 widmete sich Marie Mindermann der Förderung der Frauenbildung. Sie initierte gemeinsam mit Ottilie Hoffmann und Henny Sattler, Mathilde Lammers den Verein zur Erweiterung des weiblichen Arbeitsgebiets, lehte aber als dieser gegründet war, dessen Vorsitz ab. Dabei blieb sie, ebenso wie Louise Otto, mit der sie seit längerem befreundet war, den Ideen der 48er-Bewegung verbunden. Da der ADF unter anderem anstrebte, die Frauen durch Bildung zu politischer Mündigkeit und staatsbürgerlicher Gleichberechtigung zu führen - Rechte also, die Marie Mindermann bereits für sich in Anspruch genommen hatte, wurde sie Mitglied und Mitarbeiterin bei den "Neuen Bahnen". In lockerer Folge erschienen dort ihre "Gedanken und Sprüche" sowie ein längerer Artikel über die Argumente der Frauenbewegung und die Einwände ihrer Gegner, in dem sie sich in einer brillanten Dialektik, die schon ihre politischen Schriften ausgezeichnet hatte, ausführlich mit der Thematik auseinandersetzte. Auch die ersten Berichte über Planung eines Bremer Lokalvereins, über Absichten und Differenzen auf den ersten Treffen des "provisorischen Comites" bereits im Jahre 1866 stammen von Marie Mindermann.1865 wurde sie Mitglied im Goethebund. Von 1866 bis 1871 informierte sie die Leserinnen über die Entwicklungen und Fortschritte des "Vereins zur Erweiterung des weiblichen Arbeitsgebietes" und 1872 über die Arbeit des von ihr mitgetragenen Frauenbildungsvereins in Bremen. Im Gegensatz zu den Verfassern späterer Vereinsberichte, schilderte Marie Mindermann auch stets die Differenzen oder gar Streitigkeiten innerhalb des Vorstandes, die sie - als ADF-Mitglied, Vertreterin einer Minderheit im Verein - wesentlich ernster nahm, als die zu öffentlicher Repräsentation verpflichteten Männer des Vorstandes. Erst als der Frauenbildungsverein sich auflöste und die Berichterstattung des inzwischen sogenannten "Frauenerwerbsvereins" ab 1871 von seinem Vorsitzenden August Lammers übernommen wurde, zog Marie Mindermann sich aus dem Vereinsleben zurück und konzentrierte sich bis zu ihrem Tode auf ihr dichterisches Werk. Ihre letzten Lebensjahre lebte sie mit ihrer Freundin Caroline Lacroix im St.Rembertistift(Pröven 26).

Anmerkungen:
1.Der Bürgerfreund bzw. Bremer Bürgerfreund erschien wöchentlich von 1814 bis 1866, bis 1842 bei der Druckerei Georg Jöntzen danach beim Verlagsbuchhändler und Drucker Wilhelm Wulff. Die Zeitschrift mit gemischten Inhalten befasste sich mit der bremischen Kulturgeschichtsforschung und druckte verschiedene Lithografien. 2.zit.in:König, S.15 3.ebda. 4.zit.in:König S:19 5.Meinken, Metta, S.26 6.König, S.29 7.Neue Bahnen 1875, 10. Jg., Nr.19, S.149

Bildquelle: Marie Mindermann um 1869, Focke Museum Bremen



Abbildungen von J.Geißler aus dem Band Dreifaltigkeitsring und Ein Neujahrstag
Publikationen:
  • anonym: An die drei und zwanzig Streiter des Herrn - Worte der Anerkennung und der Bewunderung von einem Gläubigen, Bremen 1851
  • anonym: Die Politik auf der Kanzel. Ein Wort zur Berichtigung. An die Gebildeten aller Stände, Bremen 1851
  • anonym: Aufruf zum Kampf gegen die destructiven Ideen der Gegenwart. Hervorgerufen durch die neueste Schrift Dulons "Der Tag ist angebrochen", von einem Anti-Duloniaer Bremen 1852 (anonym)
  • anonym: Materialia - gesammelt in feierlichen Abendstunden in der Kirche Sanct Wimmerius Simp, mit bescheidenen Anfragen und Bemerkungen versehen von einem aufmerksamen Zuhörer,Bremen 1852
  • anonym: Eigenthümlichkeiten der Bremer Neuzeit,In Briefenvon Marie Mindermann, Bremen 1852;
  • Die Politik auf der Kanzel : Ein Wort zur Berichtigung. An die Gebildeten aller Stände
  • Briefe über Bremische Zustände,Bremen 1852
  • Heide und Moos, Märchen und Erzählungen, Lübeck 1854
  • Feldblumen,Erzählungen und Lebensbilder für die reiferen Jugend, Bremen 1860
  • Die Blinde: eine Novelle für die reifere Jugend, Bremen 1860
  • Plattdeutsche Gedichte in bremischer Mundart nebst einer Sammlung Redeweisen, Bremen 1860
  • Der Dreifaltigkeitsring und Ein Neujahrstag: zwei Erzählungen für die reifere Jugend Glogau 1860
  • Rahel,1861
  • Die beiden Rosenbouquets:zwei Erzählungen für die reifere Jugend,1862
  • Buntes Laub,Sagen, Arabesken und Märchen für die Sprichwörter und Redeweisen, Bremen 1863
  • Bis zum Senator: eine Erzählung für Alt und Jung, Bremen,ca.1865

  • Dramatische Kleinigkeiten, Bremen 1867
  • Sagen der alten Brema, Bremen 1867
  • Ranken Gedichte 1867
  • Blumen am Wege,Sammlung von Erzählungen für die reifere Jugend, Bremen 1873
  • Der Achatschleifer,Oswald-Lebensbilder für die reifere Jugend, Glogau 1879
  • Eine Tante, Glogau 1879
  • Spruchschatz, Bremen 1879
  • Aus dem Leben, Caroline Lacroix gewidmet, Bremen 1880
Die Bayr.Staatsbibliothek hat eineige Texte von ihr veröffentlicht.
Literatur und Quellen:
Biebusch, Werner: Revolution und Staatsstreich, Bremen 1973
Bremer Frauenmuseum e.Vv., Marie Mindermann und die Revolution von 1848 in Bremen,Dokumentation der Ausstellung im Staatsarchiv Bremen
Dulon, Rudolph; Vom Kampf um Völkerfreiheit, Bremen 1849 ders.: Unsere Zeit hält Gericht, Bremen 1851,
Der Tag ist angebrochen, Bremen 1852
Knierim, Truxi: Die Revolution von Fräulein Mindermann, Ein historischer Roman, Bremen 1998
König, Johann-Günter: Die streitbaren Bremerinnen, S. 13-54, Bremen 1981
Knieriem, Truxi: die Revolution von Fräulein Mindermann, ein historischer Roman, Bremen 1998, Schünemann Verlag
Meinken, Metta: Ein "Bremer Frauenzimmer" im Kampf um Wahrheit und Glauben, Bremen o.J.(1908), Neudruck 1926
Tardel, Hermann: Marie Mindermann, in: Bremische Biographien des 19. Jahrhunderts, , Bremen 1912,S. 339-340
Tidemann, Heinrich: Pastor Rudolf Dulon. Ein Beitrag zur Geschichte der Märzrevolution, II. Teil, Dulons Wirksamkeit in Bremen 1848-1852, Bremisches Jahrbuch Bd, 34.
Uhlenhaut,Linda Geschichte des Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsvereins Bremen - eine Chronik, Bremen 1991 unveröffentl.S. 22 - 26
Text Marie Mindebmann Eigenthümlichkeiten.pdf
Autorin:Linda Uhlenhaut, Ergänzungen Edith Laudowicz
Bildquellen:

Einband zum historischen Roman von T.Knieriem
Ingo Sax verfasste 1993 für das Plattdeutsche Ensemble Bremen das Theaterstück "Marie Christine.
Der Beirat Obervieland beschloss im November 2002 eine Straße nach Marie Mindermann im Stadtteil Kattenesch zu benennen.