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Gertrud Staewen-Ordemann

18.Juli 1894 Bremen - 10.Juni 1987 Berlin


Gertrud Ordemann wurde als älteste Tochter von Johann Anton Ordemann (1864-1926) und seiner Frau Bertha(1864-1941), geb. Rohr, geboren. Der vor ihr geborene Sohn war schon wenige Monate nach der Geburt gestorben, ihre Schwester Hilda wurde zwei Jahre später geboren, 1900 kam ihr Bruder Conrad zur Welt. Ihr Vater war Inhaber der Getreide- und Futtermittelhandlung Georg Repen & Co. in Bremen. Gertrud besuchte die Höhere Mädchenschule und sollte auf ihre Ehe- und Mutterrolle vorbereitet werden. Ihren Vater empfand sie als unnahbar und sehr streng. Als Kind und Jugendliche war sie ehrenamtlich im Kindergottesdienst und im Kindergarten aktiv.
Nach ihrem Realschulabschluss bei Verwandten ihrer Mutter verbrachte Gertrud Ordemann ein Jahr in einer Pension für höhere Töchter in Neuchâtel. 1912 lernte sie Werner Staewen kennen, der im 1. Weltkrieg eingezogen wurde. Ihr Vater verbot ihre jeden weiteren Kontakt zu ihm. Eine Tätigkeit in einem evangelischen Kinderhort während des Ersten Weltkriegs führte dazu, dass sich der sozialen Arbeit zuwenden wollte. Ihr Vater jedoch war entschieden dagegen. Schließlich überzeugte der Gemeindepfarrer Groscurth, der sie auch konfirmiert hatte, die Eltern, der Tochter eine soziale Ausbildung zu ermöglichen.
Gertrud Staewen ging nach Berlin und arbeitete im Jugendheim der Sozialpädagogin und Politikerin Anna von Gierke in Charlottenburg. Hier erfuhr sie hautnah die Probleme von Kindern und Jugendlichen aus weniger begüterten Elternhäusern. Sie kehrte nach Bremen zurück und baute das Sozialpädagogische Seminar beim Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsverein (FEAV( auf, dessen Leiterin sie wurde. Von ihr wurde auch Mintje Bostedt ausgebildet, die später das Bremer Jugendamt leitete.
1923 heiratete sie Werner Staewen, zu dem sie seit 1922 wieder Kontakt hatte. Das Ehepaar bekam zwei Kinder: Renate (1924) und Christoph (1926). Die Ehe wurde jedoch schon 1928 wieder geschieden. Eine Ursache war auch ihre Beziehung zu dem Theologen Günther Dehn, religiöser Sozialist und später illegaler Ausbilder der Bekennenden Kirche. 1926 trat Gertrud Staewen der SPD bei. 1928 begann sie eine Aufbauausbildung an der "Deutschen Akademie für soziale- und pädagogische Frauenarbeit. Um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen, schrieb sie nach ihrer Scheidung Zeitungsartikel und zwei Bücher im Stil von Sozialreportagen Sie erschienen 1933 bzw. 1936 und wurden gleich nach ihrem Erscheinen verboten. Sie wurde finanziell von Freunden unterstützt. Ab 1935 arbeitete sie zunächst stundenweise in der Versandabteilung des Verlagsbüros des Burckhardthaus-Verlags in Berlin-Dahlem, 1936 erhielt sie eine Festanstellung als Lektorin. 1937 trat sie in die Dahlemer Kirchengemeinde, einer Keimzelle der Bekennenden Kirche, ein und arbeitete dort aktiv mit. Sie hielt Bibelstunden und Morgenandachten. Sie schloss Bekanntschaft mit dem Theologen Karl Barth, zu dem sie auch nachdem er Deutschland verlassen hatte, Kontakt hielt, auch mit Helmuth Gollwitzer war sie eng befreundet. Durch sie erhielt auch ihr Schwager Gustav Heinemann, der mit ihrer Schwester Hilda verheiratet war, Kontakt zur Bekennenden Kirche. Die Zeit des Nationalsozialismus waren für Gertrud Staewen bedrückende Jahre, die auch ihrer Gesundheit zusetzten: Sie litt unter Herzbeschwerden und hatte apokalyptische Visionen. Die Hölle, so Gertrud Staewen, sei damals in ihr Leben eingetreten.
Als nach 1940 die Deportationen in die Vernichtungslager begannen, übernahm sie auf Bitten Dietrich Bonhoefers die Hilfe für Juden, die in der Illegalität lebten. Um sie vor der Deportation zu retten, wurden Namenslisten und Pässe gefälscht, Kurierdienste ins Ausland organisiert und Verstecke und Fluchtmöglichkeiten gesucht. Das Netzwerk der Gemeinde wurde entdeckt, nicht jedoch Getrud Staewen. Sie musst jedoch ihre Hilfe einstellen. Isoliert und emotional extrem belastet verließ sie zusammen mit ihrer Tochter das zerbombte Berlin und erlebte das Kriegsende in der Nähe von Weimar, wo Mintje Bostedt sie unterstützte und ihre Tochter in die von ihr geleitete Schule aufnahm.
1948 wurde sie erste weibliche Gefängnisseelsorgerin in der Männerstrafanstalt Berlin-Tegel. In Gottesdiensten, Bibelstunden und Gesprächskreisen durchlebte sie die Trostlosigkeit des Untergangs einer ganzen Generation. Ab 1949 war sie Gefängnisseelsorgerin in Weimar. 1987 erhielt Gertrud Staewen das Bundesverdienstkreuz am Bande. Sechs Monate später starb sie.
Publikationen: Menschen in der Unordnung. Die proletarische Wirklichkeit im Arbeitsschicksal der ungelernten Großstadtjugend, Berlin 1933 Kameradin. Junge Frauen im deutschen Schicksal 1910-1930. Berlin-Tempelhof 1936 Warum wir immer noch darüber sprechen, in Heinrich Fink, Hg.: Stärker als die Angst. Den sechs Millionen, die keinen Retter fanden. Union, Berlin 1968, S. 80 - 88 Literatur und Quellen:
Das Karl - Barth Archiv in Basel verwahrt eine Anzahl unveröffentlichter Schriften von ihr
Flesch-Thebesius, Marlies:Zu den Außenseitern gestellt - Die Geschichte der Gertrud Staewen 1894-1987, Berlin 2004
http://www.dzi.de/wp-content/uploads/2013/04/13_SozArb_04_vetter.pdf, Soziale Arbeit 4.2013, Porträt Gertrud Staewen, S. 162 - 164, Zugriff 18.8.14
http://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_Staewen, Abruf 18.8.14
Käßmann, Margot, Anke Silomon (Hrsg.) Gott will Taten sehen: Christlicher Widerstand gegen Hitler, ein Lesebuch, München 2013
Bildquelle: mit Genehmigung des Carl-Barth Archivs Autorin: Edith Laudowicz