Verfolgungen in Faschismus
 
  1933 - 45 | Widerstand | Täterinnen | Aktuelles
 

Verfolgung von Juden, Sinti und Gegnern des Faschismus,"Asozialen", ZwangsarbeiterInnen, politisch Inhaftierten, lesbische Frauen

 

Der 6.März 1933 in Bremen

Bei den Reichstagswahlen im März 1933 erreichte die NSDAP 32,6 %, die SPD 30,4 % und die KPD 14,1 % der Stimmen. Trotz der Mehrheit der linken Kräfte erfolgte im Laufe des 6. März 1933 im Zuge eines wohl durchdachten Planes die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Bremen Zusammenspiels Bremer Parteiführer und des Reichsinnen-ministeriums in Berlin, hilflos, nicht ganz machtlos, aber duldend gefördert durch das Verhalten des Bremer Senats.
Im Laufe des Montagvormittags trat der Senat zusammen, während sich auf dem Marktplatz eine Menschenansammlung zusammenfand. Der Polizeioberst Walther Caspari, beauftragt, die Umgebung des Rathauses räumen zu lassen, mochte jedoch unter dem Vorwand, ein Blutvergießen vermeiden zu wollen, sich selbst nicht gegen die Nationalsozialisten stellen, die schon 1931 ihm ein Senatsamt angeboten hatten. So schritt die Polizei auch nicht ein, als im Laufe des Nachmittags aus der Menge Hakenkreuzfahnen und -wimpel am Roland und am Rathaus befestigt wurden.
Währenddessen fanden Verhandlungen zwischen Bremen und Berlin statt, in denen deutlich wurde, daß von Berlin aus ein Reichskommissar für das Polizeiwesen eingesetzt werden sollte. Dazu war Richard Markert, der stellvertretende Direktor des Arbeitsamtes, benannt worden.
In den Unterredungen, in die sich neben den Abgesandten von NSDAP und SA auch der oldenburgische Ministerpräsident und NS-Gauleiter Carl Röver einschaltete-wurde im Laufe des Nachmittags zusätzlich und ultimativ die Auflösung der Bürgerschaft und die Hissung der schwarzweißroten sowie der Hakenkreuzfahne verlangt. Gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Senatoren beschloss Bremens Regierung schließlich, am Rathaus eine Fahne mit den Farben des alten Reiches aufziehen zu lassen. Die drei Sozialdemokraten Wilhelm Kaisen, Emil Sommer und Wilhelm Klemann traten daraufhin von ihren Ämtern zurück, da sie in der Flaggenentscheidung ein Zeichen der Änderung der bisherigen Senatspolitik sahen. Noch am selben Abend schließlich beschloss der Senat, der Bürgerschaft den Rücktritt des gesamten Senats anzukündigen, sobald die Bürgerschaft die für eine solche Situation notwendige Verfassungsänderung beschlossen habe. Noch am gleichen Abend des 6. März 1933 teilte der Reichsinnenminister Frick der bürgerlichen Rest-Senat erst telefonisch, dann auch telegrafisch die Einsetzung des Reichskommissars für die Polizei mit: "Da infolge Nichtrücktritts marxistischer Senatoren nach zuverlässigen Nachrichten In der Bevölkerung ungeheure Erregung herrscht, die Ausbruch von Unruhen befürchten läßt, übernehme für Reichsregierung (...) Befugnisse oberster Landesbehörde, soweit zur Erhaltung öffentlicher Sicherheil und Ordnung notwendig, und übertrage Wahrnehmung der Geschäfte des Polizeisenators stellvertretendem Direktor des Arbeitsamtes Bremen Dr. Markert. Ersuche diesem sofort Geschäfte zu übergeben. "Schon vor dem Eintreffen des Telegramms wurde am Rathaus die Hakenkreuzfahne gegen den Willen der Sozialdemokraten gehisst.
In den folgenden Tagen gaben die noch im Amte befindlichen bürgerlichen Senatoren den Forderungen der Nationalsozialisten und des neuen Reichskommissars Markert in allen Punkten Stück für Stück nach, bis sie selbst gänzlich entmachtet waren, Ausschlaggebend für die Haltung war nicht nur die Furcht vor weiteren willkürlichen Maßnahmen der Reichsregierung, nicht nur die nicht auszuschließende Sympathie für die Nationalsozialisten, sondern auch die Hilflosigkeit und Resignation angesichts der radikal veränderten politischen Verhältnisse und der ungestüm zur Macht drängenden Nationalsozialisten.
Quellen:Bremer Arbeiterbewegung 1918-1945 S.168
Wollenberg, Jörg, Heer
-Kleinert, Lore, Müser, Mechtild, Pfliegensdörfer: Von der Krise zum Faschismus, Bremer Arbeiterbewegung 1929 - 33,Frankfurt 1983,S.130


Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bürger

Mit der Machtübernahme der Nazis wurden die Juden durch immer neue Verordnungen aus dem öffentlichen Leben verdrängt, ihre Existenzmöglichkeiten mehr und mehr eingeschränkt und durch zahlreiche Verordnungen nicht nur sämtlicher bürgerlicher Rechte sondern auch des Vermögens beraubt.
Eine ausführliche Zeitleiste über die verschiedenen Maßnahmen finden sie hier 1933 lebten in Bremen 1.314 Juden - das war ein Anteil von 0,41 Prozent. Mit der Machtübernahme der NDAP setzte die Drangsalierung der jüdischen Bevölkerung Deutschlandweit und auch in Bremen ein. In der Reichsprogromnacht am 9.November 1938 wurden in Bremen fünf Bremer ermordet, darunter Zwienicki,Selma und Martha Goldberg und ihr Ehemann.


SA Leute eskortieren jüdische Männer nach der Reichspogromnacht am 9.11.1933 durch die 'Waller Heerstraße in das Zuchhaus Oslebshausen

Mit zahlreichen Maßnahmen wurden sie aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben verdrängt, sie mussten ihre Geschäfte aufgeben, wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen und erhielten für zahlreiche Berufe Betätigungsverbote. So konnten u.a. die Organistin Käte van Tricht ihre künstlerische Arbeit nur noch eingeschränkt durchführen, die Pianistin Henny Bromberger konnte nicht mehr auftreten und die Lehrtätigkeit wurde ihr verboten.
Ihr Lebensraum immer weiter eingeschränkt. Sie wurden aus ihren Wohnungen und Häusern verjagt, man stahl ihnen ihren Besitz, verbot ihnen die Teilnahme am öffentlichen Leben und schließlich wurden sie ermordet.
Wegen angeblicher "Rassenschande" wurde Ida Steinhardt von der Gestapo verhaftet und am 24.2.1939 in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht, wo sie ermordet wurde. 443 Juden Bremens wurden im November 1941 zu den Ghettos in Minsk und Riga deportiert - darunter die Schwestern Dora Bromberger Im Jahr 1942 wurden 114 Bremer Juden in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt gebracht und ermordet, unter ihnen Johanna Rosa Leuweram 28.5.1942 - wie weitere 1400 Frauen aus dem KZ Ravensbrück mit Gas ermordet.

Auf den Seiten des Projektes Stolpersteine Bremen finden sie die Biografien ermordeter Juden und Jüdinnen aus Bremen.

Abschiebung von Polen jüdischer Herkunft Nach Verabschiebung der Nürnberger Gesetze wurden jüdische Bürger polnischer Staatsangehörigkeit aus Bremen ab Oktober 1938 nach Polen abgeschoben.
Ihnen wurde eine Verügung in sHaus gebracht, mit der ihnen der dauernde Aufenthalt in Deutschland verboten wurde. Sie wurden aus ihren Wohnung abgeholt, in Güterwagen verladen. sie wurden an die Deutsch-polnische Grenze gebracht und ddort ihrem Schicksal überlassen.2Einige kampierten wochelang im Niemansland, andere fanden Zuflucht in polnischen Grenzstädten.


Brief von Rita Kahn, geb. Posnansky, die nach England flüchten konnte

Emigration

Durch die wirtschaftlichen und persönlichen Einschränkungen stellte sich für Viele bald die Frage der Emigration. "Beratung und Hilfe konnte man bei der Auswandererberatungsstelle Bremen und ab 1936 zusätzlich bei der Bremer Zweigstelle des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland für Auswanderungsangelegenheiten" finden.
Für diejenigen, die 1933 dem Reich den Rücken kehren wollten, stand Palästina, über das man recht gut unterrichtet war, oft durch bereits dort lebende Verwandte, als außereuropäisches Zielland an erster Stelle, zumindest was die Beratung anbelangte. Wer keine Beziehungen zu und in diesem Land hatte, nahm die Vereinigung deutscher Einwanderer in Tel Aviv oder das Palästina-Amt in Berlin in Anspruch. Unter den europäischen Ländern waren es die Niederlande, für die sich die meisten Interessenten fanden."(Bruss,S.25)
Aus einem Vorstandsbericht der jüdischen Gemeinde geht hervor, dass 1933 insgesamt 50 Männer, 28 Frauen und 19 Kinder, also 97 Personen, auswanderten, und zwar 15 Personen nach Palästina und 41 in die Niederlande. Das restliche Drittel ver¬ teilte sich gleichmäßig auf Nord- und Südamerika und einige europäische Länder. Während es in den ersten Jahren des Regimes noch einfacher möglich war (wenn man entsprechende Visa erhielt) wurde es ab 1936 immer schwieriger und es war nur in gerimgem Umfang möglich, Besitztümer oder Geld mitzunehmen.

Emigration nach Land und Personen:

Niederlande 143,England 99, Palästina 61, Argentinien 30, Südafrika 25, Österreich 24, Paraguay 24, Ecuador 21, Uruguay 21, China 19, Chile 15, Kolumbien 15, Frankreich 14,15. Kuba 14, Panama 13, Paraguay 24 Peru 7, Philippinen 1, Schweden 8, Schweiz 7, Sowjetunion 1, Spanien 2, Südamerika 3, Tschechoslowakei 2, Ungarn 5, Uruguay 21, USA 272, Venezuela 5, Zypern 1,
Anzahl der Auswanderer nach Jahren
Jahr 1933-72; 1932-65 1935-35 1936-72 1937-90 1938-278 1939-273 1940-19 1941- 18
Eine Anzahl von mindestens 930 ausgewanderten Personen kann zugrunde gelegt werden. Nicht enthalten sind die etwa 80 nach Polen „abgschobenen Juden.
Diejenigen, die in andere europäische Länder ausgewandert waren, wurden teilweise im Verlauf des Krieges durch die Eroberung von Gebieten gefasst und in die Konzentrationslager geschickt, andere mussten sich verstecken oder erneut fliehen

in dem Buch LEBENSGESCHICHTEN Schicksale Bremer Christen jüdischer Abstammung nach 1933, Hospitium Ecclesiae Br. 23, 2006 befinden sich 56 Lebensschicksale dargestellt, Hrsg.; Arbeitskreis bei der Vereinigung Bremer Kirchgeschichte'

Verfolgung der Sinti und Roma

m 10.8.1933 wurde ein "Gesetz zum Schutze der Bevölkerung vor Belästigung durch Zigeuner, Landfahrer und Arbeitscheuen" erlassen, dass in dem die Vergabe von Wohnwagenplätzen und die Einweisung von sog. Arbeitsscheuen in Arbeitslager.
Im Juni 1938 wurden 200 Personen (sog. Asoziale, Zigeuner, Zuhälter und Landstreicher) in das KKZ Buchenwald gebracht. Am 17. Oktober 1939 wurde angeordnet, dass alle "Zigeuner und Zigeunermischlinge" in Lager gebracht werdenn müssen. Die erste Deportation aus Bremen in das Generalgouvernement fand am 15.5.1940, bei der die einjährige Tochter der Familie aus Wesermünde von einem SS-Mann erschlagen 1942 wurden die Sinti nach Auschwitz-Birkenau gebracht.
1944 wurde angeordnet, dass alle mit Ariern verheirateten Sinti sich sterilisieren lassen müssen, anderfalls würden sie nach Auschwitz gebracht.

Quelle:Marßolek S.335 ff.

weitere Informationen

Verfolgung sog. "Asozialer"

Der Begriff "Asoziale" war eine Sammelbezeichnung für als "minderwertig" angesehene Menschen aus den sozialen Unterschichten ("Ballastexistenzen"), die nach NS-Auffassung sozialen Randgruppen zugehörten oder schwere Leistungs- und Anpassungsdefizite aufzuweisen hätten. Menschen und Menschengruppen wurden so als ressourcenverbrauchende "Schädlinge" und "unnütze Esser" etikettiert, für die die als "gutwillig" und "fleißig" bezeichnete Mehrheit der "Volksgemeinschaft" zu ihrem Nachteil aufkommen müsse - da politisches Ziel die Erhaltung der Volksgemeinschaft war, wurden die so etikettierten nicht nur diskriminiert sondern auch getötet. Da der Begriff nicht eindeutig festgelegt war, wurden nach Belieben unterschiedliche Gruppen oder Personen darunter subsumiert: Wohnungslose,Bettler,Landstreicher(„Wanderer“)bzw. Zigeuner,Prostituierte,Alkoholiker,Trunksüchtige, Suchtkranke,Personen mit ansteckenden Krankheiten,
insbesondere Geschlechtskrankheiten, die sich den Maßnahmen der Gesundheitsbehörden entziehen, Arbeitsscheue,bzw. Arbeitsverweigerer,die sich der Pflicht zur Arbeit entzogen, Gelegenheitsarbeiter sowie Fürsorgeempfänger
In der Bremer Neustadt wurde 1934 ein Siedlung für diese Gruppe errichtet - das Wohngefängnis Hashude am Wartumer Platz. 1936 zogen in die 84 Häuser dort 84 Familien, die man als "Asoziale" eingestuft hatte ein. Sie sollten durch strengste Erziehung - wozu eine 24stündige Kontrolle gehörte, dazu erzogen werden, nützliche Mitglieder der Volksgemeinschaft werden. Wer hier versagte, dem drohte die Sterilisation. (nachweislich geschah dies bei sechs Personen). Die Aufseherin Amely Rechtern kontrollierte die Haushaltsführung der Frauen und meldete alle Verfehlungen an die Lagerleitung. Die zahlreichen Kinder wurden jeden Morgen wie Sträflinge in Kolonnen zu Schulen in der Oder- oder Mainstraße eskortiert.
1940 wurde die Anstalt aufgegeben, die Bewohner blieben aber dort wohnen und lebten in der ständigen Angst, die Bewacher könnten wiederkommen.

Quelle:Stigma der Ausgestoßenen, Weser-Kurier 23.10.2017, S. 2
Elke Steinhöfel hat sich mit der Geschichte dieses Wohnviertels auseinandergesetzt. hier können Sie ihn lesen

politisch Verfolgte

Als Staatsfeinde in der NS-Diktatur galt "jeder, der dem Volk, der Partei und dem Staat, ihren weltanschaulichen Grundlagen und ihren politischen Aktionen bewusst entgegenwirkt." Die systematische Ausschaltung der politischen Opposition durch Massenverhaftungen begann nach dem Reichstagsbrand am 27./28. Februar 1933 und zog sich bis zu Kriegsbeginn 1939 hin. Später gab es noch eine große Massenverhaftung nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, die sog. "Aktion Gewitter". Unabhängig davon kam es immer wieder zu Einzelverhaftungen. Bis 1939 wurden mehr als 400 WiderstandskämpferInnen aus Bremen verurteilt, davon waren mehr als zwei Drittel Kommunisten. 150 Mitglieder der SPD und des Reichsbanners standen vor Gericht. Viele der Verurteilten kamen nach der Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe in ein Konzentrationslager, so Anna Stiegler und Käthe Popall.

Verfolgung von lesbischen Frauen

"Der nationalsozialistische Staat behandelte homosexuelle Frauen und Männer ungleich - wie generell beide Geschlechter. Der Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit, der Politik und qualifizierten Arbeitsplätzen hatte unter anderem zur Folge, dass lesbische Frauen weniger wichtig genommen wurden als Männer und, dass daher lesbische Sexualität als unbedeutend gesehen wurde. Lesbische Frauen waren aufgrund ihrer, auch wirtschaftlichen, Unabhängigkeit von Männern besonders betroffen von allen Maßnahmen, die Frauen generell ein selbstbestimmtes Leben verunmöglichten und sie zurück in die Familie verwiesen. Das Fehlen einer systematischen strafrechtlichen Verfolgung bedeutete jedoch nicht, dass lesbische Frauen nicht aufgrund ihrer Homosexualität diskriminiert wurden. Es kann jedoch keinesfalls die Behauptung aufrechterhalten wurden, dass sie gleichermaßen eine Opfergruppe des Nationalsozialismus waren wie etwa homosexuelle Männer. In allen Verfolgten- und Opfergruppen waren lesbische Frauen vertreten, aber: Lesbische Jüdinnen wurden verfolgt, weil sie Jüdinnen waren und nicht weil sie lesbisch waren. Lesbische Widerstandskämpferinnen wurden aufgrund ihrer politischen Aktivitäten verfolgt und deportiert. Anders als homosexuelle Männer wurden lesbische Frauen vom NS-Staat aufgrund ihrer Homosexualität nicht systematisch verfolgt. Auch nach der Verschärfung des § 175 (Kriminalisierung sexueller Handlungen zwischen Männern) blieben auf dem Staatsgebiet des heutigen Deutschland sexuelle Kontakte zwischen Frauen straffrei. Nur ganz selten wurden Frauen ausschließlich wegen ihrer Homosexualität in ein Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. Lesbische Frauen trugen in diesen Lagern nicht den "Rosa Winkel"; dieses Kennzeichen auf der Häftlingskleidung war ausschließlich Männern vorbehalten. Lesbische Frauen wurden auch nicht systematisch unter dem Vorwand der "Asozialität" verfolgt und daher auch nur in Ausnahmefällen mit dem "Schwarzen Winkel" der "Asozialen" gekennzeichnet."

Quelle:
Gudrun Hauer: Weibliche Homosexualität in der NS-Zeit. In: Andreas Baumgartner/Ingrid Bauz/Jean-Marie Winkler (Hg.): Zwischen Mutterkreuz und Gaskammer. Täterinnen und Mitläuferinnen oder Widerstand und Verfolgte? Beiträge zum Internationalen Symposium "Frauen im KZ Mauthausen" am 4. Mai 2006. Wien: edition Mauthausen 2008, S. 27-33, 167-171 Gudrun Hauer: Erica Fischers "Aimée und Jaguar": eine Analyse ausgewählter Beispiele der Rezeptionsgeschichte. In: Elke Frietsch/Christina Herkommer (Hg.): Nationalsozialismus und Geschlecht. Zur Politisierung und Ästhetisierung von Körper, "Rasse" und Sexualität im "Dritten Reich" und nach 1945. Bielefeld: [transcript] 2008, S. 366-383


Die Familie Hollmann:

Heinrich Hollmann war ein wohlhabender Wein- und Spirituosenhändler, der über eine eigene Brennerei und über umfangreichen Haus- und Grundbesitz verfügte. Er und seine Ehefrau Eleonore gehörten seit 1929 der KPD und auch der Roten Hilfe an. Im Jahre 1942 kaufte er ein Telefunken-Superradio, mit dem er die ausländischen Sender gut empfangen konnte. Eine Mieterin fühlte sich durch die Lautstärke des Radios gestört und zeigte sie an. Sie kamen wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" Untersuchungshaft und Heinrich Hollmann wurde zu vier, seine Frau Eleonore zu dreiviertel Jahren Zuchthaus verurteilt, blieben aber bis Ende des Dritten Reich in Haft. Die Firma wurde von der jungen Kontoristin Inge Majer weitergeführt, die Tochter Orlenka, die freigesprochen worden war, brach ihr Studium ab und übernahm den Betrieb. Sie hatte Beziehungen zu Georg Gumpert, Mitglied der kommunistischen Widerstandsgruppe auf der AG Weser. Gegen sie lagen aber keine Anklagepunkte vor, wurde dennoch verhaftet. Sie wurde zweimal freigesprochen, aber dennoch in das KZ Ravensbrück gebracht, wo sie bis Kriegsende bleiben musste.
Inge Majer wurde 1944 unter dem Vorwand verhaftet, sie habe gegen das Weingesetz verstoßen. Dieses sei an falsch etikettierten Weinflaschen festgestellt worden. Inge Majer erklärte, dass es sich um eine versehentliche Etikettierung aufgrund eines Wasserschadens infolge eines Bombenangriffs handele. Sie wurde zu acht Monaten Haft verurteilt und als sie sich nach der Haft den Schlüssel für ihre Wohnung abholen wollte, erneut festgenommen, offenbar hatte man die jüdische Abstammung väterlicherseits entdeckt - auch sie blieb bis Kriegsende im KZ Ravensbrück.
Nach Ende des Faschismus hatte die Familie große Schwierigkeiten, eine angemessene Wiedergutmachung durchzusetzen.



Ermordung von Lilly Karmann


Nicht nur politischer oder kirchlicher Widerstand führt zu Verhaftung und Tod. Je mehr das Regime aufgrund der militärische Niederlagen in Bedrängnis kam, je drastischer wurden die Verfolgungen. Das zeigt z.B. folgendes Schicksal: Im Herbst 1943 fragte eine junge Frau die Verkäuferin Lilly Karmann, eine Halbjüdin, ob sie ihr bei der Suche einer Wohnung behilflich sein könnte, sie wolle nämlich heiraten. Frau Karmann meinte dazu, es sei doch sehr gewagt, in dieser Situation zu heiraten. Befragt, wie sie sich die Zukunft denke, meinte Lilly Karmann, wahrscheinlich würde Stalin verlangen, dass die deutschen Männer erst wieder die Sowjetunion aufbauten. 'An aufbau bei uns wird nicht zu denken sein. Und wir hier werden nichts kaufen können und wenig zu essen haben...Strafe muss ja auch sein. Die Nazis müssen erst das ausfressen, was sie sich eingebrockt haben.' Sie wurde angezeigt und vor dem Freisler Gericht zum Tode verurteilt."Mag sie auch bisher nicht politisch Aufgefallen sein, solche defätistischen Reden im vierten Kriegsjahr ist doch ein Zeichen dafür, dass sie völlig ehrlos ist... Sie wurde am 27. Januar 1944 hingerichtet." Bremen im 3.Reich, S.397

Frauen in der Hindenburgkaserne und dem Außenlager Obernheide


Von September 1943 bis zum April 1944 diente die Hindenburgkaserne in der Bossdorfstraße in Bremen Huckelriedeals KZ-Außenlager der II. SS-Baubrigade Neuengamme. In den Pferdeställen wurden ukrainische Zwangsarbeiter untergebracht. Am 2.August 1944 traf am Neustadtsbahnhof ein Häftlingstransport mit Ungarinnen ein, die in der Hindenburgkaserne untergebracht werden, ein weiterer Transport kam mit 300 polnischen Jüdinnen aus Auschwitz 28.August 1944 in Bremen an. Die Frauen wurden zur Trümmerbeseitigung in der Bremer Innenstadt eingesetzt, eine gefährliche und anstrengende Arbeit. Fast täglich wurde Bremen aus der Luft angegriffen. Die Frauen durften bei Fliegerangriffen keine Schutzbunker oder Splittergräben aufsuchen.
Die Hindenburgkaserne wurde am 26. September 1944 bei einem alliierten Bombenangriff zerstört.
Noch am gleichen Abend transportierte man die Frauen in das Lager Obernheide in der heutigen Gemeinde Stuhr. Die 800 Häftlinge wurden in zwei Holzbaracken untergebracht, die eigentlich nur Platz für 260 Personen hatten. In schmalen Doppelbetten- jeweils drei übereinander mußten Frauen auf Strohsäcken Schlafen, jede von ihnen hatte nur etwa einen Meter Platz, so war es zwar nachts warm, aber bedrückend eng. Das Essen war spärlich: Kaffee, nach dem Abendappell, Kohlsuppe,selten gab etwas Fleisch und eine Scheibe Brot. Die Kleidung war schlecht und es gab nur Holzschuhe.
Um vier Uhr morgens wurden die Frauen geweckt und marschierten in langen Reihen im Dunkeln zum Bahnhof in Stuhr und kehrten im Dunkeln wieder zurück. In. Von dort fuhren sie mit der Thedinghauser Kleinbahn in die Bremer Neustadt, wo sie entweder zu Fuß zum Einsatzort gingen oder mit offenen Lastwagen gefahren wurden.. Ab dem 13. Dezember 1944 mussten sie noch früher aufstehen, um die sechzehn Kilometer nach Bremen zu marschieren, da wegen der Zerstörung keine Züge mehr zur Verfügung standen.
Zwangsarbeiterinnen in Bremen


Häftling der 2.SS Baubrigade bei Aufräumarbeiten nach einem Bombenangriff 1945
viele Ausländer verschiedenster Nationalität vor allem in der Rüstungsproduktion, beim Bunkerbau und bei der Trümmerbeseitigung eingesetzt. Fast alle waren in Lagern untergebracht, über die die Gestapo genau Buch führte, da die »Fremdvölkischen« als Sicherheitsrisiko galten.


Im Sommer 1944 gab es in Bremen über 200 solcher Lager, in denen mehr als 1400 Männer und Frauen zusammengepfercht waren.Die Behandlung der Ausländer war sehr unterschiedlich und richtete sich vor allem danach, aus welchem der während des Krieges von den Deutschen besetzten Gebiete sie jeweils stammten. Am schlechtesten wurden die Russen behandelt — und zwar nicht nur die Kriegsgefangenen, sondern auch die sogenannten »Ost-Arbeiter«, die als »freiwillige« Arbeitskräfte nur geringfügig besser gestellt waren. Sie und auch die polnischen Arbeiter mußten ein diskriminierendes Zeichen an der Brust tragen:1 die Rus sen ein weiß-blaues Stoffabzeichen mit dem Aufdruck »Ost«, die Polen ein gelb-lila Zeichen mit dem Aufdruck »P«. Freiwillig waren im übrigen nur die wenigsten dieser Menschen gekommen. Die meisten hatte man bei regelrechten Menschenjagden für den Arbeitseinsatz im Großdeutschen Reich angeworben; Kino- und Theatersäle, Wochenmärkte, ja ganze Dörfer wurden damals umstellt, um die Arbeitsfähigen auszusortieren und nach Deutschland abzutransportieren.
Die aus westeuropäischen Ländern als sogenannte Zivilarbeiter nach Deutschland gekommenen Arbeitskräfte genossen demgegenüber gewisse Vergünstigungen. Sie waren besser untergebracht, erhielten bessere Verpflegung, konnten mit ihren Angehörigen korrespondieren, Pakete empfangen und Lohnersparnisse in ihre Heimat schicken, wie z.B. die holländischen Fremdarbeiter im "CASINO" (siehe unter Gebäude) In den vor allem mit Russen und Polen belegten Bremer Großlagern, die meistens in der Nähe der Rüstungsbetriebe lagen, in denen die Lagerinsassen arbeiten mußten, herrschten zum Teil unmenschliche Bedingungen: Hunger, Schmutz, ständige Seuchengefahr und häufig die Willkür der zur Bewachung der »Untermenschen« einge setzten Mannschaften bestimmten den Lageralltag. Am schlimmsten war es in den Bremer Außenstellen des Konzentrationslagers Neuengamme und im sogenannten »Arbeitserziehungslager Farge«. Hierhin konnten die Insassen anderer Lager bei geringsten Verstößen gegen die Arbeitsdisziplin oder unter dem Vorwurf schlechter Arbeit oder der Bummelei zur sechswöchigen Arbeitserziehung abtransportiert werden.


hier mehr Informationen zur Situation von Zwangsarbeiterinnen in Bremen

Autorin:Edith Laudowicz

Literatur und Quellen:
Zwangsarbeit, Rüstung, Widerstand 1931 - 1945, Beiträge zur Sozialgeschichte, Heft 5, Bremen 1982
Balz, Hanno: die Arisierung von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen,
Bruss, Regina:Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus, Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv Bremen
Dünzelmann, Anne E.: Zur Geschichte jüdischen Lebens in Bremen seit 1872,Bremen 1995
Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen, herausgegeben von Wilhelm Lührs,Band 49 Bremen, 1983
Am Roland hing ein Hakenkreuz - Bremer Kinder und Jugendliche in der Nazizeit, Hrs. Schulgeschichtliche Sammlung Bremen 2002
Jüdisches Leben in der Bremer Neustadt während der NS Zeit, Arbeitsgemeinschaft Stadtteil Geschichte Bremen 2001
Lührs Wilhelm:„Reichskristallnacht“ in Bremen – Vorgeschichte, Hergang und gerichtliche Bewältigung des Pogroms vom 9./10. November 1938. (Herausgegeben vom Senator für Justiz und Verfassung der Freien Hansestadt Bremen in Verbindung mit der Israelitischen Gemeinde Bremen
Marßolek,Inge/Ott, René: Bremen im 3. Reich Anpassung-'Widerstand Verfolgung, Bremen 1986
Markreich Max, Geschichte der Juden in Bremen und Umgegend, Bremen 2003
Riespott, KZ an der Norddeutschen Hütte, Berichte, Dokumente, Erinnerungen über Zwangsarbeit 1935-45, Kollegengruppe der Klöckner-Hütte Bremen, Bremen 1984
https://www.stuhr.de/daten/Spurensuche-Obernheide/bergen-belsen.htm
Der Senator für Justiz und Verfassung der Freien Hansestadt Bremen (Hrsg.) Strafjustiz im totalen Krieg, Aus den Akten des Sondergerichts Bremen 1940 - 1945. Bd. 3, Bremen 1994